digital farm Perspektivwechsel

Plattformen verändern die Agrarbranche free

Benedikt Bösel schreibt über die Digitalisierung der Landwirtschaft und das Potenzial von Plattformen. (Illustration: Helmer)

Ob Amazon, Ebay, Alibaba oder Facebook – Einige der wertvollsten Unternehmen der Welt sind als Plattform organisiert. Aber was ist eine Plattform? Und wie kann eine Plattform in der Landwirtschaft aussehen und agieren? Benedikt Bösel erklärt das Prinzip.

Dieser Beitrag erschien zuerst im DLG Mitgliedernewsletter am 5.07.2019

Eine Plattform zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich zwischen bestehende Geschäftsverbindungen drängt. Denken Sie an Uber: Früher haben Sie sich ein Taxi bestellt und der Fahrer hat Sie gegen Bezahlung zu Ihrem Ziel gefahren. Mit Uber rufen Sie über Ihr Smartphone ein Auto, der Fahrer bringt Sie zu Ihrem Wunschort. Sie bezahlen Uber. Uber bezahlt den Fahrer. Da Uber weder Fahrzeuge unterhält, noch Fahrer fest angestellt sind, hat die Plattform geringe Kapitalkosten.

Benedikt Bösel ist Gründer und Geschäftsführer von „Gut & Boesel“. (Foto: Emanuel Finckenstein)

In der Landwirtschaft unterscheidet man zwischen: a) Plattformen, bei denen Unternehmen geschäftlich verbunden sind (Industrie/Agrarhandel – Landwirt) und b) solchen, bei denen Unternehmen mit Endkunden in Geschäftsbeziehung stehen (Landwirt – Verbraucher).

Aus Sicht des Landwirts ergeben sich durchaus große Chancen. Sie können durch mehr Transparenz und weniger Aufwand zu besseren Preisen einkaufen. Ein Beispiel für den Betriebsmitteleinkauf ist das Start-up „Agrando“. Darüber hinaus könnte künftig die Geschwindigkeit dieser Prozesse schneller werden: Es ist denkbar, dass ein Lieferant bereits alle Maschinendaten vorrätig und beispielsweise Ersatzteile bereits vorbestellt hat, weil der Algorithmus einen Verschleiß vorausschauen konnte. Gleichzeitig muss der Landwirt jedoch Herr seiner Daten bleiben, um Abhängigkeiten und die wirtschaftliche Einflussnahme durch Lieferanten zu vermeiden.

Plattform als eigener Absatzmarkt

Ein großes Potenzial entsteht für Landwirte in Plattformen, die ihm ermöglichen, seine Produkte an den Endkunden abzusetzen. Unter Umständen ist der Kunde sogar bereit, einen höheren Preis dafür zu zahlen, wenn er über die Plattform Einblicke in die Produktionsabläufe erhält. Insbesondere vor dem Hintergrund eines Freihandelsabkommens mit den Mercosur-Staaten wird es für Landwirte in Deutschland immer wichtiger, sich durch „erlebbare“ Qualität abzugrenzen. Plattformen können hier helfen. Nicht zuletzt als Kommunikationsinstrument mit dem Kunden.

Stellen Sie sich eine Plattform vor, die einen Landwirt für die Speicherung von CO2 im Boden bezahlt.

Benedikt Bösel

Plattformen können auch Wegbereiter von Innovationen sein, indem sie dem Landwirt Technologien von anderen Anbietern verfügbar machen. Agrarmanagement-Plattformen sind hier gute Beispiele, wenn sie neben automatisierter Dokumentation auch innovative Applikationen Dritter anbieten.

Aber: Jeder Betrieb ist anders

Nicht zuletzt könnten Plattformen die überbordende Bürokratie mit Dokumentationspflichten und sonstige Hemmnisse für unseren Berufsstand erträglicher machen. Dennoch ist es in der Landwirtschaft nicht so einfach. Landwirtschaftliche Betriebe und ihre LeiterInnen sind oft äußerst heterogen und haben unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen. Dadurch stellen sie in der Regel nicht wirklich einen einzelnen, großen Markt dar. Ein Plattform-Anbieter muss daher frühzeitig an Europa als Markt denken, nicht nur an Deutschland.

Darüber hinaus sind die Regeln und Vorschriften (zum Beispiel DVO) in Deutschland von Bundesland zu Bundesland oft unterschiedlich. Das erhöht die Komplexität eines einzigen Angebots, da es den Bedürfnissen vieler gerecht werden soll.

Über Plattformen werden Betriebsmittel gehandelt. (Illustration: Helmer)

Plattformen als Gefahr für etablierte Unternehmen

Für traditionelle Unternehmen birgt dies große Gefahren. Insbesondere, wenn Ineffizienzen bestehen. Start-ups sind oft in der Lage, diese Ineffizienz auszumachen und flexibel auf sich ändernde Anforderungen zu reagieren. Warum scheinen traditionelle Unternehmen, selbst als Marktführer, scheinbar hilflos mit dieser Transformation umzugehen?

Die Antwort ist einfach: Diese Unternehmen haben viel zu verlieren. Und es wird niemand dafür gefeiert, ihre bestehenden, vermeintlich erfolgreichen Geschäftsmodelle in Frage zu stellen. Das heißt, disruptive Entwicklungen kommen fast nie aus den Unternehmen selbst. Eine Lösung könnte sein, in Start-ups zu investieren. Auch wenn sie potenziell eine Gefahr für das traditionelle Geschäft darstellen. Auch eine Investition in auf Agrartechnologie spezialisierte Risikokapitalgeber oder direkt in AgTech-Start-ups als ausgelagerte F&E-Ausgaben ist möglich. Die kürzlich bekannt gegebene Zusammenarbeit der BayWa AG, des ATR Landhandel und der Getreide AG mit dem Start-up „unamera GmbH“ sei hier als Positivbeispiel genannt.

Im internationalen Vergleich verlieren wir weiter an Boden.

Benedikt Bösel
Auf einer Plattform kommen Anbieter und Nachfrager zusammen. Auch Online-Shops sind eine Form von Plattform. (Grafik: Christina Helmer)

Im internationalen Vergleich haben die meisten deutschen Agrar-Unternehmen mögliche Entwicklungen nicht gesehen. Oder sie haben sie gesehen, aber nicht reagieren wollen. Insofern sind Investitionen in AgTech-Start-ups noch zu selten und Risikokapital steht nicht ausreichend zur Verfügung. Gut, dass nun langsam immer mehr Bewegung in diesen Bereich kommt. Eine ähnliche Untätigkeit gilt für die Bundesregierung, die bisher nicht wirklich Investitionen in AgTech-Start-ups angestoßen oder Regelungen in Bezug auf Venture-Investitionen sowie die Entwicklung und Lizenzierung innovativer Produkte geändert hat. Dies hat zur Folge, dass wir im internationalen Vergleich weiter an Boden verlieren.

Was muss passieren?

Bestrebungen, staatliche Fördermittel in einzelne Plattformen zu investieren, sollten kritisch hinterfragt werden. Landwirte würden Vertrauen verlieren. Eine staatliche Plattform, finanziert von Steuergeldern, würde den privatwirtschaftlichen Wettbewerb beenden und den landwirtschaftlichen Innovationsraum in Deutschland belasten. Stattdessen sollte die Politik mit der Privatwirtschaft konstruktiv und zielorientiert zusammenarbeiten. Dabei sollte sich die Bundesregierung darauf konzentrieren:

  1. Schnelles Internet in den ländlichen Räumen bereitzustellen,
  2. Bildung & Beratung zu verbessern und auszuweiten, und vor allem
  3. Qualitätsmanagement von digitalen Produkten durchzuführen (insbesondere bei dem Thema der Datenspeicherung und der Definition von Standardschnittstellen und -formaten).

Plattformen werden vor der Landwirtschaft nicht haltmachen. Ein Weg, sich darauf einzustellen, könnte sein, den eigenen Betrieb als eine Art physische Plattform zu verstehen und Start-ups oder der Wissenschaft die Möglichkeit zu geben, innovative Produkte und neue Ansätze im kleinen Umfang in der Praxis zu testen. Start-ups könnten so die Bedarfe der Praxis erfahren und Landwirte haben durch den Kontakt und den Austausch die Chance, sich mit neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen, ohne dabei zu großes Risiko einzugehen.

Bei Veränderungen gibt es immer Chancen: Stellen Sie sich eine Plattform vor, die einen Landwirt für den Aufbau von Humus beziehungsweise die Speicherung von CO2 im Boden bezahlt. Nicht nur der Boden, das Ökosystem, der Lebensraum sowie die Widerstandsfähigkeit des Betriebes werden zunehmen. Die Landwirte würden auch für das belohnt, was sie seit Jahrhunderten erfolgreich tun: die Produktion von Nahrungsmitteln sicherstellen und Bewahrer unseres Landes sein.


Plattformen verändern ganze Industriezweige. Aber wie?

  1. Marktpsychologie: Ziel ist es, eine möglichst große Anzahl von Interessenten mit einem möglichst großen Angebot in kurzer Zeit anzuziehen und zu binden.
  2. Zugang: Plattformen ermöglichen Verbrauchern/Kunden einen günstigen und bequemen Zugang zum Produkt/Dienstleistung.
  3. Marktzutritt: Der Wert einer Plattform wird durch die Anzahl ihrer Kunden definiert. Wer Kunden hat, hat den Marktzugang. Und damit die Verhandlungsmacht. Diesen Marktzutritt müssen die Lieferanten teuer bezahlen. Insofern verlagert sich ein großer Teil der Marge vom Lieferanten zum Plattform-Anbieter.
  4. Netzwerkeffekte: Weil meine Freunde oder Kollegen gewisse Plattformen nutzen, nutze ich sie auch.

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