food Story

Popcorn aus Bio-Mais

Aus Mais Popcorn machen - das ist die Idee von Wildcorn. Klingt einfach, doch in Deutschland fanden die Gründer keine Erzeuger. (Foto: Prostock-studio/stock.adobe.com)

Zwei Millionen Tüten Bio-Popcorn will das Start-up „Wildcorn“ in diesem Jahr verkaufen. Gründer Rejne Rittel sammelte auf dem Weg bis ins Supermarktregal einige Erkenntnisse - über den Anbau von Bio-Mais, die Popcorn-Herstellung, recycelbare Verpackungen und den Vertrieb.

Reisen um die Welt, Termine mit Firmenbossen, viel Stress und wenig Zeit - Was nach dem vermeintlich typischen Leben eines Mitarbeiters einer großen Werbeagentur in guter Position klingt, so lebte Wildcorn-Gründer Rejne Rittel tatsächlich lange. 2015 entschied sich der gebürtige Berliner dann für eine Auszeit. Und diese entwickelte sich zu einer klassischen Geschichte eines branchenfremden Gründers. Denn Rejne kaufte einen alten Bahnhof in Wildberg in Brandenburg und restaurierte ihn. Oft führte der Blick dabei auf die umliegenden Maisfelder. Und die warfen Fragen bei ihm auf.

Viel Mais-Anbau, wenige Mais-Produkte 

Beim Anblick von Maisfeldern kam Rejne Rittel die Idee, Popcorn herzustellen. (Foto: Drießen)

Was passiert eigentlich mit dem angebauten Mais? Wofür wird Mais in Deutschland genutzt? „Ich habe mich eine Weile mit diesen Fragen beschäftigt. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen Mais zu den Grundnahrungsmitteln gehört, werden in Deutschland daraus nur wenige Produkte hergestellt“, erzählt der 41-Jährige. Zwar ist Mais nach Winterweizen die zweitwichtigste Kulturpflanze in Deutschland, jedoch wird hier hauptsächlich Silomais angebaut und als Tierfutter genutzt.

Meine Vorstellungen von der Herkunft und Herstellung waren zunächst sehr romantisch und naiv.

Rejne Rittel

Rittel wollte aus Mais ein essbares Produkt herstellen. Popcorn lag da nahe. „Meine Vorstellungen von der Herkunft und Herstellung waren zunächst sehr romantisch und naiv: Ich baue Bio-Mais in Brandenburg an und beziehe auch die Wildkräuter daher“, beschreibt er seine ersten Überlegungen. Nach intensiverer Recherche wurde schnell klar: In Deutschland gibt es kaum Landwirte, die Bio-Mais für den Lebensmittelmarkt anbauen - und erst recht keinen Popcorn-Mais. Zumindest konnte Rittel sie nicht ausfindig machen. (Zu Maissorten, siehe unten)

Bio-Mais aus Frankreich, Verarbeitung in Deutschland

Den Rohstoff für das Popcorn bezieht Wildcorn nun vom größten europäischen Mais-Hersteller "Nataïs" aus Frankreich. Auf rund 7.200 ha bauen etwa 200 Landwirte Mais und Bio-Mais in Frankreich, Südafrika und Portugal an. In großen „Taschen“ gelangt der Bio-Mais zum Produzenten nach Bergkamen in Nordrhein-Westfalen. Popcorn stellen in Deutschland nur ein paar wenige Unternehmen her. Das Netzwerk ist klein. „Meine Vorstellung von der Herstellung in einer kleinen Manufaktur war auch hier nicht ganz realistisch“, erinnert sich Rittel.

Die Rezepte der fünf Popcorn-Sorten überlegte sich Mitgründer Tobias Enge. 2016 stieß der Lebensmitteltechniker zu Rittel und übersetzte die Rezept-Ideen für die großen Maschinen. Gewürze wie Kurkuma, Ingwer oder Zitronengras machen das „Wildcorn“ zu einem herzhaften Snack. Im Supermarkt stehen die Tüten daher im Chips-Regal und nicht in der Süßigkeitenabteilung. „Wir wollen mit unserem Popcorn eine breite Masse ansprechen, die gesund snacken will“, beschreibt Rittel die Zielgruppe.

Die Popcorn-Sorten sind herzhaft - nicht süß. Und stehen damit im Chips-Regal. (Fotos: Wildcorn)

Größte Herausforderung: nachhaltige Verpackung

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Zwei Millionen Tüten Bio-Popcorn will das Start-up „Wildcorn“ in diesem Jahr verkaufen. Gründer Rejne Rittel sammelte auf dem Weg bis ins Supermarktregal einige Erkenntnisse – über den Anbau von Bio-Mais, die Popcorn-Herstellung, recycelbare Verpackungen und den Vertrieb.

Reisen um die Welt, Termine mit Firmenbossen, viel Stress und wenig Zeit – Was nach dem vermeintlich typischen Leben eines Mitarbeiters einer großen Werbeagentur in guter Position klingt, so lebte Wildcorn-Gründer Rejne Rittel tatsächlich lange. 2015 entschied sich der gebürtige Berliner dann für eine Auszeit. Und diese entwickelte sich zu einer klassischen Geschichte eines branchenfremden Gründers. Denn Rejne kaufte einen alten Bahnhof in Wildberg in Brandenburg und restaurierte ihn. Oft führte der Blick dabei auf die umliegenden Maisfelder. Und die warfen Fragen bei ihm auf.

Viel Mais-Anbau, wenige Mais-Produkte 

Beim Anblick von Maisfeldern kam Rejne Rittel die Idee, Popcorn herzustellen. (Foto: Drießen)

Was passiert eigentlich mit dem angebauten Mais? Wofür wird Mais in Deutschland genutzt? „Ich habe mich eine Weile mit diesen Fragen beschäftigt. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen Mais zu den Grundnahrungsmitteln gehört, werden in Deutschland daraus nur wenige Produkte hergestellt“, erzählt der 41-Jährige. Zwar ist Mais nach Winterweizen die zweitwichtigste Kulturpflanze in Deutschland, jedoch wird hier hauptsächlich Silomais angebaut und als Tierfutter genutzt.

Meine Vorstellungen von der Herkunft und Herstellung waren zunächst sehr romantisch und naiv.

Rejne Rittel

Rittel wollte aus Mais ein essbares Produkt herstellen. Popcorn lag da nahe. „Meine Vorstellungen von der Herkunft und Herstellung waren zunächst sehr romantisch und naiv: Ich baue Bio-Mais in Brandenburg an und beziehe auch die Wildkräuter daher“, beschreibt er seine ersten Überlegungen. Nach intensiverer Recherche wurde schnell klar: In Deutschland gibt es kaum Landwirte, die Bio-Mais für den Lebensmittelmarkt anbauen – und erst recht keinen Popcorn-Mais. Zumindest konnte Rittel sie nicht ausfindig machen. (Zu Maissorten, siehe unten)

Bio-Mais aus Frankreich, Verarbeitung in Deutschland

Den Rohstoff für das Popcorn bezieht Wildcorn nun vom größten europäischen Mais-Hersteller „Nataïs“ aus Frankreich. Auf rund 7.200 ha bauen etwa 200 Landwirte Mais und Bio-Mais in Frankreich, Südafrika und Portugal an. In großen „Taschen“ gelangt der Bio-Mais zum Produzenten nach Bergkamen in Nordrhein-Westfalen. Popcorn stellen in Deutschland nur ein paar wenige Unternehmen her. Das Netzwerk ist klein. „Meine Vorstellung von der Herstellung in einer kleinen Manufaktur war auch hier nicht ganz realistisch“, erinnert sich Rittel.

Die Popcorn-Sorten sind herzhaft – nicht süß. Und stehen damit im Chips-Regal. (Fotos: Wildcorn)

Die Rezepte der fünf Popcorn-Sorten überlegte sich Mitgründer Tobias Enge. 2016 stieß der Lebensmitteltechniker zu Rittel und übersetzte die Rezept-Ideen für die großen Maschinen. Gewürze wie Kurkuma, Ingwer oder Zitronengras machen das „Wildcorn“ zu einem herzhaften Snack. Im Supermarkt stehen die Tüten daher im Chips-Regal und nicht in der Süßigkeitenabteilung. „Wir wollen mit unserem Popcorn eine breite Masse ansprechen, die gesund snacken will“, beschreibt Rittel die Zielgruppe.

Größte Herausforderung: nachhaltige Verpackung

Anfang 2017 war die erste Ladung Popcorn fertig. 40 Paletten wurden in das Büro in Berlin-Kreuzberg geliefert. Der Vertrieb, für den Max Scherer das Gründerteam erweiterte, konnte starten. Die ersten Gespräche mit dem Einzelhandel machten jedoch eine Schwachstelle deutlich: Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) war mit drei Monaten für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zu kurz. Seitdem besteht die große Herausforderung darin, eine recycelbare Folie herzustellen, die auch ein MHD von zwölf Monaten für den LEH garantiert.

Du kannst nicht ein Bio-Produkt verkaufen und keine nachhaltige Verpackung haben.

Rejne Rittel

Auf Aluminium in der Verpackung verzichtet Wildcorn bereits. Die Gründer möchten aber noch weitergehen und arbeiten deswegen mit anderen Start-ups, dem Fraunhofer Institut und mehreren großen Folienherstellern an einer recycelbaren Folie im Monoverbund. Anfang Juni soll die Verpackung endlich marktreif sein. „Du kannst kein Bio-Produkt verkaufen und keine nachhaltige Verpackung haben“, sagt Rittel.

Blühstreifen für jeden Hektar Mais

Als Ausgleich für Maisflächen kauft Wildcorn Blühstreifen ein. (Foto: Mellifera e. V.)

Was der Kunde auf der Verpackung nicht sieht: So ähnlich wie beim Emissionshandel wird für jedes in Frankreich geerntete Kilo Mais eine entsprechend große Fläche Ackerland in Deutschland mit einem Blühstreifen ausgestattet. Für diese sogenannte „Blühpatenschaft“ arbeitet das Start-up mit dem Verein Mellifera zusammen, der die Blühstreifen gegen Gebühr an Feldrändern pflanzt. Der Preis berechnet sich nach einer Formel, die die Wildorn-Umsatzprognose mit der dazu benötigten Maisanbaufläche und der Bestäuber-freundlichen Ausgleichsfläche in Verhältnis setzt. In diesem Jahr sollen mehr als 190.000 Quadratmeter Blühfläche angelegt werden. „Auf diese Weise wollen wir etwas wiedergeben“, so Rittel.

Geht erst in die Biomärkte, lernt, und visiert dann die anderen Supermärkte an.

Rejne Rittel

Ein Kaufgrund sei die Blühpatenschaft sicherlich nicht. Trotzdem wisse die Zielgruppe, die Bio-Produkte kauft, die Initiative zu schätzen. Für den Verkauf visierte Wildcorn zu Beginn die Biomärkte in Berlin an. Die Gründer nahmen die Tipps von Experten aus der Branche und Erfahrungen von anderen Start-ups an. Die sagten: „Geht erst in die Biomärkte, lernt, und visiert dann die anderen Supermärkte an.“

Endstation Supermarkt?

Über das NX-Food-Programm der Metro konnten die Gründer ihr Popcorn 2017 im Start-up-Regal präsentieren und an den Kunden bringen. „Wir haben gute Erfahrungen sammeln und weitere Food-Start-ups kennenlernen können“, erzählt Rittel. Die Kontakte führten zu anderen und das Netzwerk erweiterte sich. Seit Anfang 2018 ist Wildcorn in mehreren Supermarkt-Ketten erhältlich. In diesem Jahr wollen die Unternehmer mehr als zwei Millionen Tüten verkaufen. Die 50g-Tüte kostet 1,99 €.

Die Wildcorn-Gründer v.l.: Rejne Rittel, Tobias Enge und Max Lion Scherer (Foto: Wildcorn)

Apropos Kosten: Zum Aufbau des Unternehmens investierten die Gründer insgesamt 90.000 € Eigenkapital. Den Bärenanteil des Invests schluckte die Entwicklung der Verpackung. Danach konnte Rejne Rittel vier Investoren für bislang zwei Finanzierungsrunden von sich überzeugen: Atlantic Food Labs von Early Stage Investor Christophe Maire, der Darmstädter Weltmarktführer für Aromen, Döhler, sowie zwei weitere Privatinvestoren haben zusammen rund 800.000 € in Wildcorn gesteckt. „Wir sind immer auf der Suche nach frischem Kapital“, sagt Rittel. „Aber die großen Lebensmittelunternehmen halten sich bislang zurück. Die suchen eher Tech-Ideen, als neue Food-Produkte.“

Die großen Lebensmittelunternehmen suchen eher Tech-Ideen, als neue Food-Produkte.

Rejne Rittel

Im Vertrieb setzt das Start-up nicht nur auf den stationären Markt, sondern verkauft sein Bio-Popcorn auch über den eigenen Online-Shop sowie Amazon. „Die Online-Kanäle nutzen wir vor allem für Consumer Research und Science“, erklärt Rittel. Die Gründer wollen erfahren, wie preissensibel die Kundschaft ist, welche Produkte geschmacklich ankommen und welche Anpassungen sie vornehmen müssen. Diese Rückmeldung bekomme man eher von Online-Kunden.

Netzwerk ausbauen, Austausch fördern

Auch für das junge Unternehmen besteht die Herausforderung nun darin, aus Neukunden Bestandskunden zu machen. „Snacks sind oft ein Impulsprodukt, das die Kunden an der Kasse nochmal schnell auf das Band legen“, sagt Rittel.

Auch wenn das Produkt geschmacklich ankommt, greift hier nicht selten das Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Kunden müssen wieder an die Marke erinnert werden. Daran will das Team künftig arbeiten.

Und weil sie selbst auf dem Weg in das Supermarktregal viel von anderen gelernt haben, will das Gründerteam seine Erfahrungen teilen. Sie wollen anderen Start-ups von ihren Erkenntnissen berichten und an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Ohne das Netzwerk und gute Kontakte gehe in der Food-Start-up-Szene wenig, so Rittel. Er ergänzt: „Manche Fehler muss man aber einfach machen und das Lehrgeld dafür bezahlen“.


Maissorten: Was ist was?

Mais ist das meist angebaute Getreide der Welt. Überwiegend wird er als Maissilage an Nutztiere verfüttert. Nur der sogenannte „Puffmais“ kann zu Popcorn verarbeitet werden. Puffmais gibt es in zwei verschiedenen Ausprägungen, die sich in der Form ihres Aufplatzens beim Erhitzen unterscheiden: Erstens die Pilz-Sorten, die beim Aufploppen ihre runde Form behalten und sich eher für (meist süße) flüssige Beschichtungen wie Zucker anbieten. Zweitens die Schmetterlings-Sorten, die großflächiger in alle Richtungen aufplatzen, so dass auch Pulverbeschichtungen wie Kräuter und Gewürze daran heften.

Popcorn-Mais wird so gut wie gar nicht in Deutschland angebaut. Rejne Rittel zeigte sich im Gespräch mit f3 aber offen für das Gespräch mit interessierten Landwirten.