digital food Story

Regionale Lebensmittel digital vertreiben

Jule (links) und Eva gründeten "Frischepost" 2015. Die beiden Unternehmerinnen lernten sich während ihres Studiums kennen. (Foto: Frischepost)

Ein letzter Handgriff und die Paprika ist im entsprechenden Fach der Mehrwegbox verstaut. Am Freitag gegen frühen Nachmittag wird es auch im Lager des Start-ups „Frischepost“ ruhiger. „Morgens ist hier ordentlich was los“, sagt Eva Neugebauer, eine der beiden Gründerinnen. Denn dann bringen Landwirte und Produzenten Eier, Milch, Wurst, Gemüse, Obst, Aufstriche, Backwaren und Getränke zum Standort in Rothenburgsort. Mittlerweile liefern in Hamburg 300 Produzenten über 2500 verschiedene Produkte an Frischepost. Am Tag verlassen durchschnittlich 250 Bestellungen das Lager und gelangen mit Elektroautos zu den Kunden im gesamten Stadtgebiet.

Wir wollen unser Modell auf andere Städte übertragen und dezentral wachsen – ohne die Regionalität aus den Augen zu verlieren.

Eva Neugebauer

2015 starteten Eva und Jule mit der Vermarktung von Produkten aus dem Hamburger Umland. Fünf Jahre und drei Umzüge später stehen bereits zehn Autos auf dem Parkplatz vor der Lagerhalle. Aktuell nutzt das Start-up 900 m² Fläche. Bei Bedarf kann es die Nutzfläche auf 1500 m² ausweiten. Rund 35 Fahrer und Packer sind angestellt und in den Büroräumen arbeiten nochmal 25 Mitarbeiter im Einkauf, in der IT und der Entwicklung des Unternehmens. Ein Teil davon beschäftigt sich mit dem Lizenzgeschäft. Denn im Frühjahr wird es Frischepost auch im Rhein-Main-Gebiet geben. „In Hamburg haben wir gezeigt, wie es gehen kann. Jetzt wollen wir unser Modell auf andere Städte übertragen und dezentral wachsen – ohne die Regionalität aus den Augen zu verlieren“, erklärt Eva.

Aufbau weiterer Märkte in Deutschland

Ähnlich wie bei einem Franchise-Unternehmen agieren die Lizenzpartner eigenständig, finanzieren sich selbst und bauen den Kontakt zu Herstellern und Landwirten auf. „Der Start für unsere Lizenzpartner wird deutlich leichter, als für uns in Hamburg. Frischepost ist mittlerweile eine Marke und der Online-Handel bekannter und beliebter. Wir mussten in den ersten Jahren noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten und Klinken putzen“, erinnert sich Jule an die Anfänge. Manche Landwirte, wie Jan-Hendrik Langeloh vom Milchof Reitbrook, waren von Anfang an dabei. Andere schauten kritischer auf das Start-up und die noch unbekannte Vermarktungsform.

Produzent kann jeder werden, der sich an die Frischepost-Kriterien hält. Neben einer nachhaltigen Anbauweise und artgerechter Tierhaltung schaut das Team auch auf die Herstellungsweise und Zutatenverwendung. Über 75 % der Produkte stammen von kleinen Höfen und Manufakturen aus der Region um Hamburg. „Wir schauen auf Qualität und Frische und wollen das möglichst transparent machen. Außerdem muss ein Produkt in unser Sortiment passen. Wir brauchen nicht drei verschiedene Apfelsaft-Hersteller“, sagt Jule. Je spezieller ein Produkt ist, desto besser komme es an. „Wir haben zum Beispiel lila Kartoffeln und gelbe Beete im Sortiment. Alte Sorten und Rassen sind sehr beliebt“, fasst sie zusammen.

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Eva Neugebauer und Jule Willing gründeten ihr Start-up „Frischepost“ vor fünf Jahren und zeigten in Hamburg, dass die digitale Direktvermarktung von regionalen Produkten funktionieren kann. Jetzt wollen sie ihr Modell in andere Städte bringen.

Ein letzter Handgriff und die Paprika ist im entsprechenden Fach der Mehrwegbox verstaut. Am Freitag gegen frühen Nachmittag wird es auch im Lager des Start-ups „Frischepost“ ruhiger. „Morgens ist hier ordentlich was los“, sagt Eva Neugebauer, eine der beiden Gründerinnen. Denn dann bringen Landwirte und Produzenten Eier, Milch, Wurst, Gemüse, Obst, Aufstriche, Backwaren und Getränke zum Standort in Rothenburgsort. Mittlerweile liefern in Hamburg 300 Produzenten über 2500 verschiedene Produkte an Frischepost. Am Tag verlassen durchschnittlich 250 Bestellungen das Lager und gelangen mit Elektroautos zu den Kunden im gesamten Stadtgebiet.

Wir wollen unser Modell auf andere Städte übertragen und dezentral wachsen – ohne die Regionalität aus den Augen zu verlieren.

Eva Neugebauer

2015 starteten Eva und Jule mit der Vermarktung von Produkten aus dem Hamburger Umland. Fünf Jahre und drei Umzüge später stehen bereits zehn Autos auf dem Parkplatz vor der Lagerhalle. Aktuell nutzt das Start-up 900 m² Fläche. Bei Bedarf kann es die Nutzfläche auf 1500 m² ausweiten. Rund 35 Fahrer und Packer sind angestellt und in den Büroräumen arbeiten nochmal 25 Mitarbeiter im Einkauf, in der IT und der Entwicklung des Unternehmens. Ein Teil davon beschäftigt sich mit dem Lizenzgeschäft. Denn im Frühjahr wird es Frischepost auch im Rhein-Main-Gebiet geben. „In Hamburg haben wir gezeigt, wie es gehen kann. Jetzt wollen wir unser Modell auf andere Städte übertragen und dezentral wachsen – ohne die Regionalität aus den Augen zu verlieren“, erklärt Eva.

Aufbau weiterer Märkte in Deutschland

Ähnlich wie bei einem Franchise-Unternehmen agieren die Lizenzpartner eigenständig, finanzieren sich selbst und bauen den Kontakt zu Herstellern und Landwirten auf. „Der Start für unsere Lizenzpartner wird deutlich leichter, als für uns in Hamburg. Frischepost ist mittlerweile eine Marke und der Online-Handel bekannter und beliebter. Wir mussten in den ersten Jahren noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten und Klinken putzen“, erinnert sich Jule an die Anfänge. Manche Landwirte, wie Jan-Hendrik Langeloh vom Milchof Reitbrook, waren von Anfang an dabei. Andere schauten kritischer auf das Start-up und die noch unbekannte Vermarktungsform.

„Frischepost“ liefert mit Elektroautos im gesamten Hamburger Stadtgebiet an fünf Tagen die Woche aus. (Foto: Frischepost).

Produzent kann jeder werden, der sich an die Frischepost-Kriterien hält. Neben einer nachhaltigen Anbauweise und artgerechter Tierhaltung schaut das Team auch auf die Herstellungsweise und Zutatenverwendung. Über 75 % der Produkte stammen von kleinen Höfen und Manufakturen aus der Region um Hamburg. „Wir schauen auf Qualität und Frische und wollen das möglichst transparent machen. Außerdem muss ein Produkt in unser Sortiment passen. Wir brauchen nicht drei verschiedene Apfelsaft-Hersteller“, sagt Jule. Je spezieller ein Produkt ist, desto besser komme es an. „Wir haben zum Beispiel lila Kartoffeln und gelbe Beete im Sortiment. Alte Sorten und Rassen sind sehr beliebt“, fasst sie zusammen.

Ausliefern und flexibel sein

Die große Herausforderung liegt darin, die Produzenten und Kunden zusammenbringen. „Wir denken kundenorientiert. Die Kunden wollen nicht lange im Voraus wissen müssen, was sie irgendwann brauchen“, sagt Eva. Bis um 11 Uhr müssen sie bestellen, um die Ware am nächsten Tag gegen Nachmittag zu erhalten. Auch Flexibilität ist den Großstädtern wichtig. „Wir haben keine fixe Laufzeit für unsere Abos. Wir müssen schnell auf Kundenwünsche reagieren können“, so die studierte Betriebswirtschafterin. Kunden können immer wieder aufs Neue bestellen und sich ihren Warenkorb selbst zusammenstellen oder ein flexibles Abo abschließen. Demnächst soll auch eine Bestellung bis 12 Uhr abends möglich sein, um die Ware am darauffolgenden Nachmittag zu erhalten.

Wir haben zum Beispiel lila Kartoffeln und gelbe Beete im Sortiment. Alte Sorten und Rassen sind sehr beliebt.

Jule Willing

Flexibel müssen sie auch reagieren, wenn es zu Lieferengpässen und Ausliefer-Stopps aufgrund von Ernteausfall durch Hagel, Qualitätsmängel oder aufgrund von Staus kommt. Da Frischepost die Bestellungen an die Hersteller weitergibt und keine frische Ware lagert, muss schnell Ersatz gefunden werden. „Wir haben eine Produkt-Austauschlogik entwickelt und für den Fall eines Ausfalls automatisiert, sodass der Kunde eine Gutschrift erhält und informiert wird“, sagt Eva. Außerdem müssen auch die Hersteller planen können. „Mittlerweile erhalten sie gegen Nachmittag von uns einen Zwischenstand, damit sie abschätzen können, wieviel Joghurt zum Beispiel hergestellt werden muss. Dafür haben wir einen Algorithmus entwickelt, der diese Prognosen erstellt“, sagt die Gründerin.

Den Preis bestimmt der Produzent

Auch die Aufnahme von neuen Landwirten und Herstellern ist fast automatisiert. „Unser Tool kann Produktdaten wie Inhaltsstoffe beispielsweise aus dem Biohandel-Register ziehen“, sagt Eva. Die Beschreibungen und die Vorstellung der Betriebe und Manufakturen übernehmen die Frischepost-Mitarbeiter. „Die meisten unserer Produzenten kennen wir persönlich. Die allermeisten besuchen wir mindestens einmal im Jahr. Bei Jan-Hendrik waren wir bestimmt schon 50 Mal“, erzählt Eva. Den Preis geben die Landwirte und Hersteller an. Das Start-up kauft ihnen die Ware ab und schlägt für die Abwicklung und Logistik eine Marge auf den Einkaufspreis. „Die fällt nicht bei allen Produkten gleich aus. Wir müssen unsere Kosten decken, möchten aber nicht teurer sein, als vergleichbare Produkte im LEH“, sagt die 30-Jährige.

Kühlpflichtige Produkte werden in einer Kühltasche verpackt. Alle anderen Produkte sollen möglichst verpackungsfrei in der Mehrwegbox ausgeliefert werden. (Foto: Frischepost)

Neben der Liefer- und Tourenplanung sowie der Koordination der Ausfälle war auch das Pfandsystem eine große Herausforderung für die Unternehmerinnen. Denn alle Produkte sollen möglichst in Mehrwegboxen geliefert werden. Sobald kühlpflichtige Produkte wie Joghurt, Milch oder Fleisch bestellt werden, wird eine Kühltasche in der Mehrwegbox mitgeliefert. Die Kunden können die Joghurtbecher, Milchflaschen, Kühltaschen und die Transportbox den Fahrern bei der nächsten Lieferung mitgeben oder die Behältnisse zu bestimmten Abholstationen bringen. „Hierfür haben wir ein digitales Gutschriftensystem entwickeln müssen. Keine leichte Aufgabe“, meint Eva.

10.000 Haushalte, 20 bis 25% des Umsatzes

10.000 Haushalte hat Frischepost in Hamburg bislang beliefert. Das Kundengeschäft, das Frischepost „Farm to Home“ nennt, macht dabei aber nur etwa 30 % des Umsatzes aus. Lukrativer ist die Belieferung von Unternehmen. Insgesamt 300 Firmen beliefert das Start-up mit Obstkörben oder Kühlschränken, die jeden Tag mit frischen Snacks, Salaten und Sandwiches bestückt werden. 65 % des Umsatzes macht der Bereich „Farm to Business“ aus. Auf die Belieferung von Restaurants fallen 5 %. Nach eigenen Angaben schreibt das Start-up in Hamburg schwarze Zahlen und konnte den Umsatz seit der Gründung jedes Jahr verdoppeln.

Finanziert war Frischepost im ersten Gründungsjahr 2015 durch das EXIST-Gründerstipendium. Danach kamen verschiedene Investoren an Bord. Die Anteile teilen sich Eva und Jule heute mit 13 weiteren Gesellschaftern, darunter bekannte Investoren und Unternehmensleiter aus dem Lebensmittelbereich und der Logistik wie Brigitte Mohn, Andreas Berger und Gunnar Froh. „Wir starten in diesem Jahr eine neue Finanzierungsrunde. Wir sind auf der Suche nach Investoren, die uns bei der Etablierung unseres Lizenzmodells unterstützen möchten“, sagt Eva. Das hat für die Gründerinnen nun Priorität. „Vielleicht können wir die Vordenker sein, die andere animieren, es uns gleich zu tun“, sagt sie.