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Scheunengespräch: Insektenzucht bei Landwirten? free

Beim zweiten digitalen f3-Scheunengespräch drehte sich alles um das Thema Insektenzucht. (Foto: Piepenbrock)

Insektenzucht als Standbein für landwirtschaftliche Betriebe? Wer in diesen innovativen Markt einsteigen will, steht vor einigen Fragen. Um die Chancen, Risiken und Marktpotenziale der Insektenzucht ging es gestern im digitalen f3-Scheunengespräch.

Wieso ist Insektenzucht in der Landwirtschaft Thema? Könnte sie künftig auf landwirtschaftlichen Betrieben stattfinden? Welche Geschäftsmodelle gibt es in dem Bereich? Darüber sprachen Insekten-Start-ups und innovative Landwirtinnen und Landwirte am gestrigen Donnerstag beim f3-Scheunengespräch. Das digitale Event erschien dieses Mal in neuem Gewand: Nach einer moderierten Gesprächsrunde folgten fünf 5-Minuten-Vorträge von Gründern und Landwirten. Im Anschluss teilte sich die Zuhörerschaft auf verschiedene Räume auf. Dort diskutierten sie aktiv mit den Experten auf Augenhöhe, stellten ihre Fragen und knüpften neue Kontakte. Trotz sommerlicher Temperaturen fanden rund 85 Gäste ihren Weg in die digitale Scheune, die vom Verband für alternative Proteinquellen unterstützt wurde. Ein Videozusammenschnitt mit den Highlights folgt kommende Woche.

Landwirtin plant Insektenzuchtanlage

Agrarstudentin und Hofnachfolgerin Wiebke Gütschleg aus dem Kreis Lippe in NRW beschäftigt sich bereits intensiv mit der Insektenzucht. Die 22-Jährige übernimmt den elterlichen Betrieb mit 90 ha Ackerbau und Biogasanlage. „Die Sauenhaltung ist keine Zukunftsoption für mich“, so die Landwirtin. Die Tiere verließen kürzlich den Hof. Die Altgebäude stehen leer.

Über ein früheres Scheunengespräch wurde sie auf Insekten aufmerksam und ist überzeugt: „Mit der Insektenzucht könnte ich Altgebäude so nutzen, wie sie sind. Auch die bestehende Biogasanlage könnten wir als Energiequelle in den Kreislauf einbinden.“

Mit der Insektenzucht könnte ich Altgebäude so nutzen, wie sie sind.

Wiebke Gütschleg

Noch steht die Junglandwirtin ganz am Anfang ihrer Planung. Aber die Schwarze Soldatenfliege ist als Nutztier anerkannt. Das heißt es würde sich also um eine Umnutzung der bestehenden Stallgebäude handeln. Die Investitionskosten lägen schnell im 6- bis 7-stelligen Bereich. Wiebke plant derzeit mit 800t Proteinmehl pro Jahr, das sie auf ihrem Hof herstellen könnte – wenn alles klappt. Aktuell steht sie im Austausch mit Architekten, Behörden und Insekten Start-ups.

Basiswissen fehlt

Die Landwirtin erkannte schnell, dass Bedarf nach mehr Forschung auf dem Gebiet besteht. Deshalb führte sie eigene Experimente im Stall durch. „In einfachen, beheizbaren Boxen habe ich Larven der schwarzen Soldatenfliege gehalten und getestet, welche Anforderungen sie haben.“ So testete sie zum Beispiel, wie sich Nebenprodukte wie Luzerne-Gras-Gemenge auf die Inhaltsstoffe des Endproduktes oder die Überlebensrate der Tiere auswirken. Zu der Eignung von Insektenprotein in Geflügel- und Schweinefutter veröffentlichte die Uni Göttingen vor einiger Zeit eine Studie.

Der Markt ist das Entscheidende

Schon sehr viel weiter in der Anlagenentwicklung ist Kai Hempel, Gründer des Start-ups Madebymade aus Leipzig. Der studierte Betriebswirt kommt selbst nicht aus dem Agrarsektor, sieht Landwirte aber durchaus als Kunden für die Insektenanlagen seines Start-ups: „Wir haben das Know-how: Produktionstechnik, Biologie der Tiere, Absatzmärkte, Strukturen. Der Landwirt hat den Kontakt vor Ort, die Menpower und vor allem: Lust auf Insekten.“ Eine Zusammenarbeit bietet sich an.

Wir haben das Know-how: Produktionstechnik, Biologie der Tiere, Absatzmärkte, Strukturen.

Kai Hempel

„Um überhaupt in den Markt für Futtermittel eintreten zu können und standfest zu sein, muss man jedoch eine gewisse Menge produzieren“, so der Gründer. Abnehmer des Insektenproteins sei zur Zeit vor allem der Proteingroßhandel. Der Abnahmepreis für 1kg Insektenpulver der Schwarzen Soldatenfliege liege derzeit bei 2,50€.

Die Anlage von Madebymade ist in Modulen konzipiert, die unabhängig voneinander funktionieren. Zucht, Mast und Verarbeitung sind getrennt. Im Mastmodul versuchen die Gründer, die Mastleistung zu optimieren. Bei einem Input von 18t Futtermaterial pro Tag rechnet der Gründer derzeit etwa mit 5 bis 7t lebender Larven auf der Outputseite.

Coronabedingt fand das f3-Scheunengespräch in einer Onlinekonferenz statt. (Foto: Sehnke)

Die Schwarze Soldatenfliege gilt als Allrounder, was die Nahrungsverwertung angeht. Die Tiere haben ein breites Futterspektrum und erzeugen daraus brauchbare Ergebnisse. Der Mehlwurm sei im Vergleich dazu deutlich anspruchsvoller, weiß Kai Hempel. Futter für die Larven können z.B. Weizen aus altem Brot und Brötchen, aber auch Obst und Gemüse sein. Lebensmittelreste aus der Gastronomie sind verboten, genau wie Gülle.

Eintrittschancen und Barrieren

Einen „Blick in die Praxis“ lieferte Yannik Weinreis, Agrarökonom und Mitarbeiter bei Madebymade. Er begleitete den Bau eine industriellen Fliegenzuchtanlage und weiß um die technischen und wirtschaftlichen Anforderungen der Zucht: „Die notwendigen Kenntnisse – sei es über die Automatisierungstechnik, den biologischen Hintergrund der Larven oder die Drucklufttechnik – sollten nicht unterschätzt werden.“

Es ist unheimlich schwer für Landwirte, selbst in die Zucht einzusteigen. Das erfordert viel Know-how und Disziplin.

Yannik Weinreis

Deshalb sieht Yannik die Kooperation von landwirtschaftlichen Betriebsleitern und -leiterinnen mit Start-ups als unumgänglich an. „Es ist unheimlich schwer für Landwirte, selbst in die Zucht einzusteigen. Das erfordert viel Know-how und Disziplin.“

Netzwerken

In der anschließenden Diskussion merkte man schnell, dass das Pionierthema noch Gesprächsbedarf weckt. Entsprechend brannten den Zuhörern Fragen unter den Nägeln. In den „Breakout-Rooms“ konnten sich die Teilnehmer auf einzelne Räume aufteilen, um mit den Experten auf Augenhöhe zu diskutieren. Wann sonst hat man schon die Möglichkeit dazu? Ob Agrarstudierende, Wissenschaftsredakteur oder aktive Landwirtin: die bunte Mischung sorgte für angeregte Gespräche mit unterschiedlichen Standpunkten. Die Themen waren ebenso vielseitig: Genehmigungen, Futterstoffe, Eintrittsbarrieren werden auch weiterhin für Gesprächsstoff sorgen.


Die Kurzvorträge

  • Pitch 1 – Lucas Hartmann, Gründer von cepri: Einblicke in den Markt: Geschäftsmodelle, Preise, Abnehmer von Insektenprotein
  • Pitch 2 – Thomas Kühn, Gründer von farminsect: Herstellung von Insektenmehl aus den Larven der Schwarzen Soldatenfliege zur Nutzung als Tierfutter auf dem eigenen Betrieb
  • Pitch 3 – Ernst Hetzner, Landwirt aus Mittelfranken: Nutzung von Altgebäuden für die Insektenzucht
  • Pitch 4 – David Kremer-Schillings, Landwirtssohn/Agrarwissenschaftler: Insektenzucht für Humanernährung vor dem Hintergrund der Novel-Food-Verordnung
  • Pitch 5 – Yannik Weinreis, Agrarökonom: Eintrittschancen und Barrieren der Landwirtschaft in die Insektenzucht

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