farm Perspektivwechsel Story

Schweine aktiv anders halten

Der Aktivstall von Gabriele Mörixmann ist eine Mischung aus "bio" und "konventiell". Aber die Vermarktung des Fleisches ist eine Mammutaufhabe. (Foto: Drießen)

„Es muss doch etwas zwischen bio und konventionell geben“, dachte Familie Mörixmann aus dem niedersächsischen Melle. Ihr Aktivstall bringt mehr Tierwohl. Die Nachfrage ist stabil, steht aber noch auf wackeligem Fundament.

Im Wasser planschende Schweine sieht man nur auf den Bahamas? Fehlanzeige! Bei Familie Mörixmann aus Melle am Teutoburger Wald ist eine solche Szene normal. Dort baden Tiere, wuseln im Stroh und schnuppern frische Luft. Im Bällebad spielen Schweine mit Bällen, wühlen im Heu und toben herum.

Wo heute Schweine spielen und planschen, stand vor sechs Jahren noch ein normaler Maststall. Familie Mörixmann wollte das Altgebäude nutzen, aber nicht allzu viel investieren. Auf jeden Fall sollten die Tiere mehr Platz und Beschäftigung erhalten. Zur biologischen Schweinehaltung konnte sie sich nicht durchringen, da Schweine im Sommer auf Stroheinstreu unter Wärmestau leiden. Im konventionellen Stall fehlte die Abwechslung. So reifte die Idee zu einem Mittelweg.

Terrasse, Bällebad, Dusche

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„Es muss doch etwas zwischen bio und konventionell geben“, dachte Familie Mörixmann aus dem niedersächsischen Melle. Ihr Aktivstall bringt mehr Tierwohl. Die Nachfrage ist stabil, steht aber noch auf wackeligem Fundament.

Der Artikel ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, Folge 33/2018.

Im Wasser planschende Schweine sieht man nur auf den Bahamas? Fehlanzeige! Im Aktivstall von Familie Mörixmann aus Melle am Teutoburger Wald ist eine solche Szene normal. Dort baden Tiere, wuseln im Stroh und schnuppern frische Luft. Im Bällebad spielen Schweine mit Bällen, wühlen im Heu und toben herum.

Wo heute Schweine spielen und planschen, stand vor sechs Jahren noch ein normaler Maststall. Familie Mörixmann wollte das Altgebäude nutzen, aber nicht allzu viel investieren. Auf jeden Fall sollten die Tiere mehr Platz und Beschäftigung erhalten. Zur biologischen Schweinehaltung konnte sie sich nicht durchringen, da Schweine im Sommer auf Stroheinstreu unter Wärmestau leiden. Im konventionellen Stall fehlte die Abwechslung. So reifte die Idee zu einem Mittelweg.

Terrasse, Bällebad, Dusche

Die Schweine können aus fünf verschiedenen Bereichen frei wählen. Unter anderem: eine Terrasse. (Foto: Drießen)

In den drei Aktivställen befinden sich je fünf unterschiedlich gestaltete Bereiche. In denen tummeln sich insgesamt 1000 Mastschweine. Bislang waren sie in drei Altersgruppen aufgeteilt. Mit dem nächsten Durchgang stellt Gabi Mörixmann auf Betriebs-Rein-Raus um. Sie ist verantwortlich für den Aktivstall. Doch hilft ihre Familie bei der Arbeit tatkräftig mit.

Die Schweine können sich auf 1500 m2 frei bewegen. Und sie haben nicht nur mehr Platz, sondern auch jede Menge Abwechselung. Durch Flügeltüren können sie sich zwischen den verschiedenen Abteilungen frei bewegen:

  • ein Ruhebereich mit dunklen und hellen Liegeplätzen,
  • ein Spielplatz mit Heu und großen gelben Bällen,
  • vier Außenterrassen mit Einstreu, Dusche und frischer Luft,
  • eine große Strohhalle zum Rennen und Wühlen,
  • eine „Kantine“ mit Breiautomaten, beim Betreten werden die Tiere automatisch gewogen und zum Vermarktungstermin separiert.
  • Dazu kommt ein Pflege- und ein Nachmastabteil für je 50 Tiere. 

Spalten oder Stroh – beides beliebt

Die Schweine können zwischen Spaltenboden und Einstreu wählen. Etwa die Hälfte des Stallbodens ist mit Betonspalten ausgelegt. Der Rest besteht aus fester Fläche, Einstreu und Ausläufen. Bei Kälte kuscheln sich die Schweine ins Stroh. Während der heißen Tagesstunden ist der Spaltenboden der Favorit. Duschen sorgen dort für willkommene Erfrischung. „Schweine sind Liegekühler, die Spaltenboden brauchen, um überschüssige Wärme abzugeben“, erklärt Gabi Mörixmann. Deshalb kommt für sie ein Stall nur mit Stroheinstreu nicht in Frage.

Bei Kälte kuscheln sich die Schweine ins Stroh. Während der heißen Tagesstunden ist der Spaltenboden der Favorit.

Artikel-Auszug 

Handarbeit gefragt

Bei so viel fester Fläche ist Handarbeit gefragt. Täglich werden die Festflächen nachgestreut. Die Großballen lagern auf Podesten. Die Herausforderung für Mörixmanns ist, dass Stroh nach Stroh aussieht und nicht nach Mist. Einmal wöchentlich werden Strohstall und Außenterrassen mit dem Traktor ausgemistet. Einzelne eingestreute Innenflächen wie das Heubad mistet die Landwirtin per Hand aus.

Bei Hitze bevorzugen die Schweine den Spaltenboden, um sich abzukühlen. Besonders beliebt sind die Duschen und die „Badewanne“. (Foto: Drießen)

„Der Arbeitsaufwand ist hoch“, weiß die Praktikerin. Da die Schweine in der Großgruppe mehr Platz zur Verfügung haben, toben sie sich richtig aus. Das macht die Tierkontrolle aufwendiger. Um kranke Tiere in der Großgruppe sicher zu erkennen, wendet die Tüftlerin einen Trick an. Morgens lockt sie die Schweine mit getrockneter Maissilage auf die Festflächen. „Wer bei so einem Leckerli nicht aufsteht, ist nicht fit und bekommt einen Strich auf den Rücken“, ist Mörixmanns Erfahrung. Zusätzlich können die Schweine sich an Stroh in Raufen und Automaten bedienen.

Trotz Strohstall, frischer Luft, doppeltem Platz, abwechslungsreichem Spielzeug und viel Bewegung ist der Ringelschwanz kein Selbstläufer.

Gabriele Mörixmann

Arbeit macht auch das Bällebad. Denn die Bälle sind nur so lange interessant, wie sie nicht mit Kot verschmiert sind. Deshalb ist einmal pro Woche Waschtag für die Bälle. Zudem müssen Beschäftigungsmaterial, Lecksteine und Scheuermöglichkeiten regelmäßig erneuert werden.

Viel Zeit erfordert das Projekt Ringelschwanz. Alle 1000 Schweine sind unkupiert. „Doch trotz Strohstall, frischer Luft, doppeltem Platz, abwechslungsreichem Spielzeug und viel Bewegung ist der Ringelschwanz kein Selbstläufer“, musste die Schweinhalterin lernen. Eine 80%ige Erfolgsquote gelingt ihr nur mit viel Geduld, aufmerksamem Hinschauen, Ausprobieren und einer robusten Genetik. Deshalb setzt die Landwirtin jetzt auf Duroc-Eber.

Tierkontrolle aufwendiger

Auf ihrem Kontrollgang durch den Stall bleibt Gabi Mörixmann beweglich. Die Tierkontrolle ist allerdings aufwendiger. (Foto: Drießen)

Neben der Stallarbeit gibt es andere Zeitfresser. Zweimal wöchentlich bietet Gabriele Mörixmann Gruppenführungen durch den Stall an. „Vom Kindergarten über Landwirte bis zu Tierschützern hatten wir fast jeden in unserem Stall“, schmunzelt die 45-Jährige. „Die interessanten Gespräche gehören zu den schöns­­­ten Erfahrungen.“ Zudem informiert Gabi Mörixmann im Internet über den Aktivstall. Oft sitzt sie spätabends vorm Computer, um die Homepage und soziale Medien aktuell zu halten.

Mammutaufgabe Marketing

Tierwohl-Wurst per Post

Doch die größte Herausforderung war und ist die Vermarktung. Denn allen Tierwohl-Lippenbekenntnissen zum Trotz stehen die Kunden nicht Schlange. „Die mediale Nachfrage ist groß. Aber das An-den-Mann-Bringen ist schwer“, seufzt die Landwirtin.
Anfangs hatte die Familie lediglich einen Abnehmer und diverse private Kunden. Neue Interessenten kamen hinzu, da sie ihr Konzept intensiv über die sozialen Medien verbreitete. Außerdem rührte Gabi Mörixmann die Werbetrommel bei verschiedenen Wurstwarenfabriken. Denn der Mehraufwand trägt sich nur, wenn das ganze Schwein vermarktet werden kann. „Wenn nur Schnitzel und Filet unter dem Aktivstall-Label verkauft werden, reicht das nicht aus für den Tierwohl-Bonus“, weiß die Landfrau.

Jetzt, nach sechs Jahren intensiven Marketings, verkauft die Familie alle Schweine an Brand Qualitätsfleisch und Schulte Qualitätsfleisch in Lastrup. Acht Aktiv- und Irma-Märkte in Oldenburg sowie Schulte Lastruper Wurstwaren vermarkten Fleisch und Wurst aus dem Aktivstall für Schweine über einen Online-Shop. Doch ist es nur der erste Schritt, vom Lebensmittelhandel gelistet zu werden. „Wenn der Kunde das Produkt nicht kauft, ist man ganz schnell wieder raus“, ist Mörixmanns Erfahrung. Ganz wichtig sind geschulte Verkäuferinnen, die den Kunden die Vorzüge des Aktivstall-Konzepts erklären können.

Erhebliche Mehrkosten

Mehr Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif. Für Familie Mörixmann bedeutete der Einstieg in den Aktivstall erhebliche Mehrkosten. Allein der Stallumbau hat 150 € pro Mastplatz gekostet.
Zudem schlagen Mehrkosten beim Futter zu Buche. Die Schweine bekommen gentechnikfreies Futter – eine Forderung des Lebensmittelhandels. Das GVO-freie Soja ist ein Kostentreiber, der rund 6 Cent/kg Schwein ausmacht.

Die Iberico-Ferkel haben einen Sonderstatus im Aktivstall. Denn Familie Mörixmann hält eine „Hobby-Sau“, von der die braunen Ferkel stammen. (Foto: Drießen)

Um ihre 1000 Mastschweine zu füttern, zu misten, einzustreuen, mit Raufutter zu versorgen und im Blick zu halten, benötigt Familie Mörixmann rund 52 Stunden pro Woche – also mehr als doppelt so viel wie bei konventioneller Spaltenhaltung. Darin enthalten sind Stallführungen, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing.

Wenn nur Schnitzel und Filet unter dem Aktivstall-Label verkauft werden, reicht das nicht aus für den Tierwohl-Bonus.

Gabriele Mörixmann

Für die Mehrkosten durch die anspruchsvolle Haltung und Fütterung benötigt die Familie einen Zuschlag von mindestens 50 Cent pro kg. Davon geht etwa die Hälfte auf das Konto von gentechnikfreier Fütterung und Ringelschwanz. Die anderen 25 Cent ergeben sich aus dem aufwendigeren Haltungssystem – mehr Arbeit, mehr Spielmaterial, Einstreu, Raufutter, Gruppenführungen und vor allem das höhere Platzangebot von 1,5 m2 pro Tier.

Offenheit macht angreifbar. Die Familie bekam viele positive, aber auch einige negative Reaktionen. Fremde wollten die Tiere aus dem Stall befreien.

Vom Aktivstall-Konzept überzeugt

Für die Familie war dieser Einbruch unfassbar, da jeder Besucher tagsüber willkommen ist. Am Stall hängt ein freundliches Schild „Betreten unter Terminabsprache erlaubt“. Zum Glück sind solche Erlebnisse die Ausnahme. Familie Mörixmann lässt sich davon nicht beirren und glaubt an ihr Konzept. 

Für Verbraucher und Landwirte, die zwischen bio und konventionell stehen, kann der Aktivstall eine Lösung sein. „Die Vermarktung ist schwierig, aber nicht unmöglich“, macht Gabriele Mörixmann Hoffnung.