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So funktioniert der Warenterminmarkt

Der Terminhandel mit Milch ist eine vergleichsweise neue Entwicklung - und nicht gerade selbsterklärend. (Alle Grafiken: Christina Helmer)

Privates Risikomanagement wird für Milcherzeuger immer wichtiger. Die Milchpreisabsicherung am Warenterminmarkt ist eine Möglichkeit, dem zunehmend launischeren Milchpreis Herr zu werden. Doch wie funktioniert das eigentlich? Wir begleiten Milchbauer Harm Schritt für Schritt bei der börslichen Milchpreisabsicherung.

Harm ist Milchviehhalter. Im vergangenen Jahr hat er im großen Stil investiert und muss sein Darlehen bedienen. Der schwankende Milchpreis reicht ihm dafür nicht als Sicherheit. Zudem vermutet er, dass die Milchpreise in nächster Zeit sinken werden. Er überlegt daher, sich für einen Teil seiner Milch einen fixen Preis zu sichern. Am Terminmarkt – der EEX – wird Milch für September 2019 für einen Preis von umgerechnet 35 ct/kg gehandelt. Für Harm ist dies ein Preis, den er einloggen will. Wie muss er jetzt vorgehen?

Schritt 1: Broker finden und Konto einrichten

Um überhaupt am Warenterminmarkt zu handeln, benötigt Harm einen Broker. Harm selbst darf nicht am Terminmarkt tätig werden. Der Broker richtet für ihn zunächst ein Konto bei der Clearingstelle ein. Auf dieses muss Harm eine Sicherheitsleistung hinterlegen, die Initial Margin. Mit der Zahlung stellt die Clearingstelle – quasi als unabhängiger Mittler zwischen Verkäufer und Käufer – die vertragliche Erfüllung der Geschäftspartner sicher. Durch Clearingstelle und Initial Margin handelt es sich beim Termingeschäft um ein sehr sicheres Finanzgeschäft, da niemand (finanziell) ausfallen kann.

Schritt 2: Kontrakte verkaufen

Harm schließt mit der Warenterminbörse einen Liefervertrag, einen sogenannten Kontrakt. Darin erklärt er sich bereit, zu einem Preis von 35 ct/kg eine bestimmte Milchmenge im September zu liefern. Die Kontrakte sind dabei genau definiert, nur der Preis ist variabel. Die Preisbildung läuft elektronisch ab und ist anonym. Voraussetzung für die Absicherung ist zudem, dass potentielle Kaufinteressenten am Markt vorhanden sind. An der Börse selbst verkauft Harm über seinen Broker einen oder mehrere solcher Kontrakte - im Grunde eine Lieferverpflichtung für einen zukünftigen Handelsmonat.

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Privates Risikomanagement wird für Milcherzeuger immer wichtiger. Die Milchpreisabsicherung am Warenterminmarkt ist eine Möglichkeit, dem zunehmend launischeren Milchpreis Herr zu werden. Doch wie funktioniert das eigentlich? Wir begleiten Milchbauer Harm Schritt für Schritt bei der börslichen Milchpreisabsicherung.

Harm ist Milchviehhalter. Im vergangenen Jahr hat er im großen Stil investiert und muss sein Darlehen bedienen. Der schwankende Milchpreis reicht ihm dafür nicht als Sicherheit. Zudem vermutet er, dass die Milchpreise in nächster Zeit sinken werden. Er überlegt daher, sich jetzt (in Harms Welt ist derzeit April) für einen Teil seiner Milch einen fixen Preis zu sichern. Am Terminmarkt – der EEX – wird Milch für September 2019 für einen Preis von umgerechnet 35 ct/kg gehandelt. Für Harm ist dies ein Preis, den er einloggen will. Wie muss er jetzt vorgehen?

Schritt 1: Broker finden und Konto einrichten

Um überhaupt am Warenterminmarkt zu handeln, benötigt Harm einen Broker. Harm selbst darf nicht am Terminmarkt tätig werden. Der Broker richtet für ihn zunächst ein Konto bei der Clearingstelle ein. Auf dieses muss Harm eine Sicherheitsleistung hinterlegen, die Initial Margin. Mit der Zahlung stellt die Clearingstelle – quasi als unabhängiger Mittler zwischen Verkäufer und Käufer – die vertragliche Erfüllung der Geschäftspartner sicher. Durch Clearingstelle und Initial Margin handelt es sich beim Termingeschäft um ein sehr sicheres Finanzgeschäft, da niemand (finanziell) ausfallen kann.

Schritt 2: Kontrakte verkaufen

Harm schließt an der Börse einen sogenannten Warenterminkontrakt ab. Die Kontrakte sind dabei genau definiert, nur der Preis ist variabel. Die Preisbildung läuft elektronisch ab und ist anonym. Mittels Kontrakt verkauft er im April seine Milch zu 35 ct/kg für den Handelsmonat September.

Voraussetzung für die Absicherung ist zudem, dass potentielle Kaufinteressenten am Markt vorhanden sind. An der Börse selbst verkauft Harm über seinen Broker einen oder mehrere solcher Kontrakte – im Grunde eine Lieferverpflichtung für einen zukünftigen Handelsmonat.

Schritt 3: Eine Ware, zwei Finanzgeschäfte

Seinen Kontrakt erfüllt Harm dadurch, dass er ihn vorzeitig zurückkauft – im Börsenjargon: glatt stellt – oder Auslaufen lässt. Seine Milch liefert er wie gewohnt an seine Molkerei. An der EEX wird über Barsausgleich abgerechnet, daher kommt es dort nicht zu einer tatsächlichen Lieferung der Milch. Es finden somit zwei Finanzgeschäfte statt: Am Terminmarkt werden Lieferverpflichtung ge- und verkauft, am reelen Markt, dem sogenannten Kassamarkt, die Milch als Ware.

Schritt 4: Steigende und fallende Preise

Mit Auslaufen des Kontraktes gibt es nun zwei mögliche Preisentwicklungen. Fall A: Der Kontraktpreis liegt im Liefermonat September über Harms Verkaufspreis von 35 ct/kg, den er sich zu Beginn gesichert hat. Oder Fall B: Harm kauft den Kontrakt zu einem Preis unter 35 ct/kg zurück. In jedem Fall ist es zwingend notwendig, beide Geschäfte – am Warenterminmarkt und am Kassmarkt – zusammen zu betrachten.

Fall A: Entgegen Harms Prognose ist der Milchpreis gestiegen. Im September 2019 liegt er bei 40 ct/kg. Harm kauft seinen Kontrakt an der Warenterminbörse zurück und erzielt an der Börse somit einen Verlust von 5 ct/kg. Er kauft seinen Kontrakt somit teurer zurück, als er ihn zuvor verkauft hat. Parallel dazu hat er seine Milch auf dem reelen Markt, dem Kassamarkt, an die Molkerei geliefert und erzielt dort einen angenommenen Milchpreis von 40 ct/kg. Mit dem höheren Milchpreis am Kassamarkt kann er den Börsenverlust ausgleichen.
Hätte Harm keine Milch abgesichert und auf auf höhere Preise spekuliert, hätte er in diesem Fall zwar mehr verdient. Der Vorteil liegt für Harm aber darin, dass er vorher wusste, im September 35 ct/kg sicher zu erhalten.

Fall B: Wie Harm zu Beginn vermutet hat, ist der Milchpreis am Kasamarkt gesunken: Er liegt mit 29 ct/kg deutlich unter seinem abgesicherten Preis von 35 ct/kg. An der Börse erzielt er so einen Gewinn von 6 ct/kg und kann den niedrigeren Auszahlungspreis der Molkerei am Kassamarkt ausgleichen.

Harm erhält in beiden Varianten den Milchpreis von 35 ct/kg, zu dem er sich im April  entschieden hat.

Schritt 5: Gewinne und Verluste kombinieren

Der Kontraktpreis an der Börse schwankt ebenso wie der Preis am Kassamarkt. Auch wenn Harm seinen Kontrakt für den September verkauft hat, kann er diesen theoretisch auch vorzeitig zurückkaufen bzw. ihn glatt stellen. Da eine Finanzaktion somit jeden Tag möglich ist, führt die Clearingstelle ebenfalls täglich einen Gewinn- und Verlustrechnung für jeden Börsenteilnehmer durch. Die Sicherheitsleistung auf Harms Börsenkonto wird stetig mit dem Milchpreis des Terminmarktes verrechnet. Je nach Milchkurs zieht die Börse so täglich Geld vom Börsenkonto ein bzw. überweist es.

App-gesichert

Grundgedanke der Milchpreisabsicherung am Warenterminmarkt ist aber nicht, auf fallende Preise zu spekulieren und seine Kontrakte vorzeitig zu verkaufen. Es geht darum, Gewinne und Verluste am Kassamarkt und Terminmarkt miteinander zu kombinieren und sich so einen stabilen Preis zu sichern. Da der Kassamarkt der Preisentwicklung am Terminmarkt in der Praxis immer etwas hinterhängt, ist eine langfristige Absicherungsstrategie sinnvoll.