digital Perspektivwechsel

Standbeine separat – Kooperationen parat

Ein Landwirt blickt nachdenklich auf seine neue Geschäftsidee.
Ein neues Standbein neben dem Hauptbetrieb aufzubauen, ist schwierig und kann auch scheitern. Digitalexpertin Julia Kasper gibt im Interview einige Tipps. (Foto: auremar/stock.adobe.com)

Julia Kasper hat den elterlichen Tischlerbetrieb auf digitale Füße gestellt. Hier kommen Tipps, wie sich eine neue Geschäftsidee neben dem Hauptbetrieb aufbauen lässt. Und was passiert, wenn das neue Standbein dann doch scheitert.

f3 - farm. food. future: Wir predigen hier in unserer Interview-Reihe immer, dass sich auch alteingesessene Betriebe neu aufstellen und innovative Geschäftsmodelle erdenken können. Aber wie sollte ein innovativer Handwerker oder auch Landwirt das laufende Geschäft vom Aufbau eines Start-ups aus dem Betrieb heraus trennen? Wie organisiert er sich und sein Team?

Digitalexpertin Julia Kasper

Julia Kasper: Ich finde es wichtig, dass das neue „Baby“, also die neue Geschäftsidee, abgekoppelt wird vom oftmals stressigen Tagesbetrieb. Wir haben in der elterlichen Tischlerei beispielsweise ein eigenes Büro für unsere Online-Ausgründung "holzgespür"gebaut und eingerichtet. So waren wir damit schon mal autark und hatten unsere Insel, auf der neue Ideen entstehen konnten. Zudem braucht man Personen, die Querdenken können und neue Perspektiven mitbringen. Der Betriebsleiter sollte allerdings auch ein gewisses "Erwartungsmanagement“ betreiben. Das bedeutet, ihm muss bewusst sein, dass wenn er in etwas investiert, das eben zunächst Zeit und Geld kostet. Sein  Ertrag schrumpft also zunächst.

f3: Jeder weiß, dass viele Start-up-Ideen scheitern. Kann das nicht große Auswirkungen auf den etablierten Betrieb haben, den ich als Tischler oder Landwirt im Rücken habe? Wie vermeide ich, dass das Scheitern des Start-ups den Betrieb mit herunterzieht?

Julia Kasper: Wenn ich die neue Idee abgekoppelt habe vom Tagesgeschäft, dann kann sich hier ein neues, weiteres Standbein etablieren - aber ohne, dass ich groß in den bestehenden, traditionellen Betrieb eingreife. Setzt sich mein neues Geschäftsmodell dann doch nicht wie erwünscht am Markt durch, so bleibt der Betrieb als bisheriges Standbein bestehen. Unter Gründern hat sich die Phrase "fail fast" etabliert, also zu deutsch "schnell scheitern". Neue Investitionen und Ideen müssen in unserer sich immer schneller entwickelnden Welt eben auch schneller auf- und ggf. wieder abgebaut werden. Agile Arbeitsmethoden, Ideen schnell auf den Weg bringen und Geschäftsmodelle kurzfristig auch anpassen sind Methoden, sich darauf einzustellen.

Ja, die Analyse von Außen bleibt nicht aus. Und oft fällt sie nicht wohlwollend aus. Darauf muss man gefasst sein.

Julia Kasper

f3: Aber wie geht man persönlich mit dem Scheitern um? Wie schafft man es, sich doch wieder aufzurappeln, auch wenn man enttäuscht ist von sich oder von Partnern?

Julia Kasper: Tja, einfach ist das Aufrappeln und Wiederaufstehen sicherlich nicht. Zumal wir in Deutschland leider keine ausgeprägte Fehlerkultur haben. Bei Google wird beispielsweise jeder „fuck-up“, also jedes Scheitern gefeiert. Das soll die Leute mutigere Entscheidungen treffen und nach vorne denken lassen. Eine Balance aus Fehlerkultur und Beharrlichkeit, etwas Neues aufzubauen, ist also wichtig. Zur Fehlerkultur gehört auch das Wissen darum, dass Scheitern sogar eigentlich ganz normal ist: Nur eines von zehn Start-ups wird so richtig erfolgreich. Und noch was: Glück spielt ebenso eine nicht unerhebliche Rolle! Und das kann man leider nicht fest einplanen. 

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Julia Kasper hat den elterlichen Tischlerbetrieb auf digitale Füße gestellt. Hier kommen Tipps, wie sich eine neue Geschäftsidee neben dem Hauptbetrieb aufbauen lässt. Und was passiert, wenn das neue Standbein dann doch scheitert.

f3 – farm. food. future: Wir predigen hier in unserer Interview-Reihe immer, dass sich auch alteingesessene Betriebe neu aufstellen und innovative Geschäftsmodelle erdenken können. Aber wie sollte ein innovativer Handwerker oder auch Landwirt das laufende Geschäft vom Aufbau eines Start-ups aus dem Betrieb heraus trennen? Wie organisiert er sich und sein Team?

Digitalexpertin Julia Kasper

Julia Kasper: Ich finde es wichtig, dass das neue „Baby“, also die neue Geschäftsidee, abgekoppelt wird vom oftmals stressigen Tagesbetrieb. Wir haben in der elterlichen Tischlerei beispielsweise ein eigenes Büro für unsere Online-Ausgründung „holzgespür“ gebaut und eingerichtet. So waren wir damit schon mal autark und hatten unsere Insel, auf der neue Ideen entstehen konnten. Zudem braucht man Personen, die Querdenken können und neue Perspektiven mitbringen. Der Betriebsinhaber sollte allerdings auch ein gewisses „Erwartungsmanagement“ betreiben. Das bedeutet, ihm muss bewusst sein, dass wenn er in etwas investiert, das eben zunächst Zeit und Geld kostet. Sein  Ertrag schrumpft also zunächst.

f3: Jeder weiß, dass viele Start-up-Ideen scheitern. Kann das nicht große Auswirkungen auf den etablierten Betrieb haben, den ich als Tischler oder Landwirt im Rücken habe? Wie vermeide ich, dass das Scheitern des Start-ups den Betrieb mit herunterzieht?

Julia Kasper: Wenn ich die neue Idee abgekoppelt habe vom Tagesgeschäft, dann kann sich hier ein neues, weiteres Standbein etablieren – aber ohne, dass ich groß in den bestehenden, traditionellen Betrieb eingreife. Setzt sich mein neues Geschäftsmodell dann doch nicht wie erwünscht am Markt durch, so bleibt der Betrieb als bisheriges Standbein bestehen. Unter Gründern hat sich die Phrase „fail fast“ etabliert, also zu deutsch „schnell scheitern“. Neue Investitionen und Ideen müssen in unserer sich immer schneller entwickelnden Welt eben auch schneller auf- und ggf. wieder abgebaut werden. Agile Arbeitsmethoden, Ideen schnell auf den Weg bringen und Geschäftsmodelle kurzfristig auch anpassen sind Methoden, sich darauf einzustellen.

Ja, die Analyse von Außen bleibt nicht aus. Und oft fällt sie nicht wohlwollend aus. Darauf muss man gefasst sein.

Julia Kasper

f3: Aber wie geht man persönlich mit dem Scheitern um? Wie schafft man es, sich doch wieder aufzurappeln, auch wenn man enttäuscht ist von sich oder von Partnern?

Julia Kasper: Tja, einfach ist das Aufrappeln und Wiederaufstehen sicherlich nicht. Zumal wir in Deutschland leider keine ausgeprägte Fehlerkultur haben. Bei Google wird beispielsweise jeder „fuck-up“, also jedes Scheitern gefeiert. Das soll die Leute mutigere Entscheidungen treffen und nach vorne denken lassen. Eine Balance aus Fehlerkultur und Beharrlichkeit, etwas Neues aufzubauen, ist also wichtig. Zur Fehlerkultur gehört auch das Wissen darum, dass Scheitern sogar eigentlich ganz normal ist: Nur eines von zehn Start-ups wird so richtig erfolgreich. Und noch was: Glück spielt ebenso eine nicht unerhebliche Rolle! Und das kann man leider nicht fest einplanen. 

Wettbewerbsvorteil: Scheitern

f3: Ein Scheitern geht ja auch an Berufskollegen nicht vorbei. Die wollen dann natürlich von vornherein gewusst haben, dass der Plan nicht klappen kann. Wie bewahrt ein gescheiterter Gründer sein Gesicht, wenn man bedenkt, dass sich unser „Beispiel-Tischler-Gründer“ eben noch nicht in der an das Scheitern gewöhnten Gründerszene bewegt?

Julia Kasper: Ja, die Analyse von Außen bleibt nicht aus. Und oftmals fällt sie leider nicht wohlwollend aus. Darauf muss man gefasst sein. Es gehört zum Gründen also eine gute Portion Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. So kann man auch mal über kritische Stimmen, die einen nicht weiter bringen, hinweg sehen. Eins ist klar: Nur wer etwas Neues wagt, kann auch weiter kommen als die Anderen, die auf der Stelle treten.

Beim Ridesharing fangen mit BMW und Mercedes plötzlich zwei große Wettbewerber an, zusammen zu arbeiten.

Julia Kasper

Ich möchte noch hinzufügen, dass diese „Außenstehenden“ im Grunde am besten mit im Boot sitzen sollten. Wer Kooperationen und Partnerschaften eingeht, verringert das Risiko zu scheitern. Denn wenn beide Seiten ihr (komplementäres) Wissen mitbringen, bringt das häufig einen Vorsprung mit sich. Und ich habe eine breitere Außenwirkung! Dass das auch unter Konkurrenten möglich ist, zeigt ein aktuelles Beispiel: BMW und Mercedes legen jetzt ihre Ridesharing Services DriveNow und Car2Go zusammen. Plötzlich fangen zwei große Wettbewerber im digitalen Zeitalter an, zusammen zu arbeiten und Synergien zu nutzen. Daran können sich auch mittelständische und landwirtschaftliche Betriebe ein Beispiel nehmen.


Zur Person 

Julia Kasper, 32 Jahre, ist Gründerin von holzgespür, einem Online-Konfigurator für Massivholzmöbel. Sie ist Expertin zum Thema „Digitalisierung im Handwerk“ und Mitglied im Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium. In der Rubrik „Perspektivwechsel“ führt f3 regelmäßig Interviews mit ihr.