Am von Bettina Röttig

Kreislaufwirtschaft

Von „Müll“ zu Möglichkeiten

Weniger Lebensmittelverluste, mehr Wertschöpfung und eine Reduktion der Treibhausgasemissionen: Mit Food-Upcycling- und Kreislauf-Konzepten kann die Konsumgüterbranche nachhaltiger wirtschaften. Notwendig sind neue Prozesse zur Verwertung und Beschaffung von Nebenströmen. Dass die Lösung dieser Herausforderungen Innovationen und Zusatzerlöse mitbringt, beweisen nicht nur Start-ups.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Lebensmittelpraxis 15/21.
Der Instagram-Perfektionismus wird zunehmend hinterfragt: Wer viele Follower möchte, darf keine Makel zeigen. Innere Werte: oft Nebensache. Dass der Umgang mit Lebensmitteln schon lange nach einem ähnlichen Prinzip abläuft, wird jedoch zu wenig thematisiert. Wurde zu Omas oder Uromas Zeiten jede Gemüseknolle, egal wie krumm, und jedes Teil eines Schlachttieres selbstverständlich verarbeitet und genossen, ist heute Perfektion statt Natürlichkeit bei Obst und Gemüse gefragt. In der Fleischtheke sind vor allem Edelteile gewünscht. In anderen Sortimenten erfordert die Schnäppchen-Mentalität eine extrem effiziente Produktion. Das Resultat: eine Ernährungswirtschaft, die Reste erzeugt, die im schlimmsten Fall entsorgt werden.

Kreislaufwirtschaft. Oder neudeutsch: Food Upcycling

Nun musste der Begriff „Food Upcycling“ (Aufwertung von Reststoffen) erfunden werden, um zurück zu‧ kommen zu früheren Werten und einer Wirtschaft, die Produktionsreste in den Kreislauf zurückführt. Wenn hippe Begriffe es richten, dann bitte schön – der Zweck heiligt die Mittel.
Denn es besteht dringender Handlungsbedarf, um Lebensmittelverschwendung – zu Neudeutsch „Food Waste“ – zu reduzieren und ihr vorzubeugen. Das lässt sich schon an einer Zahl ablesen. Rund 8% der globalen Treibhausgasemissionen schreibt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) der Lebensmittelverschwendung zu. Wäre „Food Waste“ ein Land, stünde es an dritter Stelle der größten globalen CO2-Emittenten. Hinzu kommen verschwendete Agrarflächen, Wasser, Arbeitskraft und anderes.
83% der Bundesbürger sehen im Kampf gegen Lebensmittelverluste den Lebensmittel-Einzelhandel in der Pflicht.
Auszug
Das Thema ist auch beim Verbraucher angekommen, der sich selbst zu Recht mit in der Verantwortung sieht. 83% der Bundesbürger sehen im Kampf gegen Lebensmittelverluste den Lebensmittel-Einzelhandel in der Pflicht, zeigt eine aktuelle Studie von Innofact im Auftrag von Danone und Too Good To Go. Ein Großteil der Befragten erwartet zudem, dass Lebensmittelindustrie (79%) und Landwirtschaft (77%) Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung ergreifen. Unternehmen sollten alle Prozesse der Wertschöpfungskette so umstellen, dass minimale Lebensmittelverluste anfallen, so eine Forderung.

85% der Bundesbürger sehen sich selbst im Kampf gegen Lebensmittelverluste in der Pflicht. Fast ebenso viel Verantwortung trägt der Lebensmittel-Einzelhandel. (Bildquelle: Danone/too good to go)

Vorhandene Ressourcen wie Produktionsreste und Nebenströme unternehmensintern besser zu nutzen, ist ein Weg. Aber auch der Handel mit diesen wird zunehmend erschlossen. Denn: Was für ein Unternehmen Produktionsabfall ist, kann für ein anderes ein wahrer Schatz sein. So kam der Markt für „upgecycelte Lebensmittel“ nach Analysen der Marktforscher von Future Market Insights 2019 bereits auf einen Wert von 46,7 Milliarden US-Dollar (38,6 Milliarden Euro).

Ganzheitlich denken

Beispiele dafür, wie übrig gebliebene Lebensmittel weiterverarbeitet werden, gibt es mittlerweile einige:
  • So haben sich Unternehmen dem Problemthema Altbrot gewidmet. In der Schweiz wird Bier daraus gebraut (Brauerei Locher), in Konstanz wird es zu Knödeln im Glas verarbeitet (Knödelkult).
  • Krummes Obst und Gemüse schafft es häufiger in die Supermärkte, sowohl als frische Ware als auch in verarbeiteten Produkten. Landgard etwa vermarktet unter der Marke „Iss so“ frische Obst- und Gemüseprodukte, die zum Beispiel durch Hagel oder Unwetter einen äußeren Schaden erlitten haben. Mit der Marke will das Unternehmen vor allem Verbraucher sensibilisieren und ihnen „Sonderlinge“ schmackhaft machen.
  • Wie viel Wert in Resten steckt, entdecken Nahrungsmittelhersteller aktuell vor allem am Beispiel der Kakaofrucht. Dass sich von dieser mehr nutzen lässt als nur die Bohnen, das haben Schokoladenhersteller wie Barry Callebaut und Ritter Sport nicht nur verstanden, sondern auch...


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