farm News Perspektivwechsel

Teilen ist das neue Besitzen

Die Digitalisierung bietet gerade in ländlichen Räumen Chancen. Wo einzelne scheitern, helfen gemeinsame Ansätze. (Foto: Drießen)

Der 200 Jahre alte Genossenschaftsgedanke war selten so aktuell wie im digitalen Zeitalter. Das wurde auf der Veranstaltung „Landwirtschaft digital – gemeinsam in Genossenschaften“ im Umfeld der Grünen Woche deutlich.

Christian Seelmann, Bereichsleiter Technik bei der RWZ in Köln, stand im Jahr 2010 vor einer Aufgabe: Große Kunden in seinem Händlergebiet benötigten den Navigationsstandard Real-time kinematic (RTK), um mit zentimetergenauen Spurdaten Precision Farming betreiben zu können. Die Nachfrage unter den Landwirten war aber insgesamt überschaubar, gerade einmal 2  % der Traktoren waren auf GPS-Anwendungen vorbereitet. Demgegenüber standen hohe Investitionskosten von mehreren Hunderttausend Euro, die kaum einer der 15 Händler im Gebiet allein schultern konnte.

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Der 200 Jahre alte Genossenschaftsgedanke war selten so aktuell wie im digitalen Zeitalter. Das wurde auf der Veranstaltung „Landwirtschaft digital – gemeinsam in Genossenschaften“ im Umfeld der Grünen Woche deutlich.

Christian Seelmann, Bereichsleiter Technik bei der RWZ in Köln, stand im Jahr 2010 vor einer Aufgabe: Große Kunden in seinem Händlergebiet benötigten den Navigationsstandard Real-time kinematic (RTK), um mit zentimetergenauen Spurdaten Precision Farming betreiben zu können. Die Nachfrage unter den Landwirten war aber insgesamt überschaubar, gerade einmal 2  % der Traktoren waren auf GPS-Anwendungen vorbereitet. Demgegenüber standen hohe Investitionskosten von mehreren Hunderttausend Euro, die kaum einer der 15 Händler im Gebiet allein schultern konnte.

„Eine Gefahr sind nicht die anderen Landwirte und Genossenschaften, sondern Konzerne wie Amazon, Google und Facebook.“

Franz-Josef Holzenkamp, Deutscher Raiffaisen Verband (DRV)

Die Lösung war die Gründung einer Genossenschaft mit zunächst rund 350 Mitgliedern, die gemeinsam in den flächendeckenden Ausbau des Standards investierten. Heute sind nicht mehr 2  % der im RWZ-Gebiet gehandelten Schlepper GPS-tauglich, sondern 90 %. Der RTK-Standard ist technisch überholt und wird inzwischen kostenlos angeboten. Die mittlerweile amortisierte Investition der Landwirte ist aber ein Beispiel dafür, wie Probleme vor Ort gelöst werden können, von denen, die es betrifft. Das wurde am vergangenen Donnerstag auf dem Forum „Landwirtschaft digital“ im Umfeld der Grünen Woche in Berlin deutlich.

Landwirte als Vorreiter

Angesprochen auf den schlep­penden Ausbau des 5G-Netzes, ordnete Christian Seelmann ein: „Auch 2010 kam von der Politik wenig. Wir Landwirte mussten deshalb als Vorreiter agieren.“ Ein Punkt, der aus Sicht vom Präsidenten des Deutschen Raiffeisen Verbandes (DRV), Franz-Josef Holzenkamp, auf heute übertragbar ist. „Deutschland ist immer noch ein Entwicklungsland, wenn es um digitale Infrastruktur geht“, kritisierte Holzenkamp.
Er erinnerte an die genossenschaftliche Idee der Hilfe zur Selbsthilfe, getreu dem Motto: Was einer nicht schafft, das schaffen viele. „Teilen ist das neue Besitzen“, sagte Holzenkamp „und das ist auch für den ländlichen Raum eine Chance.“
Holzenkamp sieht in digitalen Techniken und smarter Landwirtschaft eine Chance für eine saubere und ökologischere Nahrungsmittelproduktion. Voraussetzung sei ein enger Austausch zwischen allen Beteiligten, um gemeinsam von Größenvorteilen zu profitieren. „Wir müssen vom Kirchturmdenken wegkommen“, forderte Holzenkamp. „Eine Gefahr sind nicht die anderen Landwirte und Genossenschaften, sondern Konzerne wie Amazon, Google und Facebook.“

Christian Seelmann (RWZ Köln), Holger Laue (Raiffaisen Centralheide eG), Franz-Josef Holzkamp (DRV-Präsident), Olga Alcaraz Andrade (Organización Agricultores Unidos Guayangareo) und Jörg Migende (BayWa Ag) bei der Veranstaltung „Landwirtschaft digital – gemeinsam in Genossenschaften“. (Foto: Schulze Steinmann) 

Smarte Erträge

Auch Jörg Migende, Leiter Digital Farming bei der BayWa AG, unterstrich: „Bits, Bytes und Satellitendaten sind wichtig, aber nicht alles, wenn es um smarte Landwirtschaft geht.“ Er stellte anhand von drei Beispielprojekten vor, wie mittels neuer Techniken Erfolge verbucht werden können:
In einem Pilotprojekt in Sambia konnte mit Modellen von Satellitendaten die Bewässerung optimiert werden. 30 % Wassereinsparung bei mehr Ertrag und besseren Qualitäten sprechen nach Ansicht von Migende eine klare Sprache.
Gleiches gilt für teilflächenspezifische Düngung und Aussaat. Der BayWa-Mann verwies auf Projekte, in denen mittels maschinenlesbarer Karten und standortangepassten Systemen Kosten gespart und Erträge stabilisiert werden konnten. So habe beispielsweise die optimierte Aussaat in aktuellen Projekten bis zu 11 % Mehrertrag und rund 60 €/ha zusätzlichen Deckungsbeitrag gebracht.
Eine entscheidende Hürde sind aus seiner Sicht aber noch immer die unzureichenden Schnittstellen für den Datenaustausch. „Die Landtechnikindustrie hat lange Zeit nur ihre eigenen Maschinen gesehen“, so Migende. Er machte deutlich, dass viele Landwirte sich nicht selbst mit Bits und Bytes beschäftigen wollen, sondern einen verlässlichen Partner brauchen, der sicherstelle, dass die digitalen Werkzeuge im Praxiseinsatz auch reibungslos funktionieren. Die größten Vorbehalte der Landwirte gegenüber der neuen Technik liegen seiner Ansicht nach in den hohen Anschaffungskosten und fehlenden Normen begründet.

„Der stationäre Agrarhandel wird nicht verschwinden.“ free

Erfolge in Mexiko

Olga Alcaraz Andrade, Geschäftsführerin einer Erzeugerorganisation in der mexikanischen Provinz Michoacán, berichtete über die Bedeutung von Smart Farming in ihrem Alltag. Mit einem Frühwarnsystem im Pflanzenschutz, modernen Wetterstationen und einem Qualitätssystem zur Überwachung der Ernte und Lagerung konnte ihre Genossenschaft die Erträge ihrer 658 Mitglieder, fast ausschließlich Kleinbauern, ordentlich steigern.
Holger Laue, Geschäftsführer der Raiffeisen Centralheide eG, präsentierte eine Lern-App für Auszu­bildende. Die Anwendung deckt alle wichtigen Wissensbereiche auf zeitgemäße Weise ab. Und in einem Duellmodus können sich die Azubis miteinander messen. Die Kosten für die Erstellung und Pflege der App wären von einer einzelnen Genossenschaft nicht
zu stemmen gewesen. Im genossenschaftlichen Verbund konnten sie auf mehrere Schultern verteilt und das Vorhaben realisiert werden.