farm food Story

Tierwohl-Wurst per Post

Fleisch im Web zu verkaufen, ist aufwändig. Kann sich aber lohnen. Das untypische Start-up "Kalieber" schlägt sich gut. (Foto: jpgon/adobe.stock.com)

Das Unternehmen Kalieber steht für alte Haustierrassen und faire Erzeugerpreise. Noch braucht der Online-Shop für Fleisch und Wurst sein Mutterunternehmen - eine alteingesessene Wurstwarenfabrik.

"Es dreht sich was im Markt. Die Leute hören wieder zu, wenn es um Qualität geht.“ Daran glaubt Sarah Dhem, Fleischermeisterin und Geschäftsführerin von „Kalieber“. Sie und ihr Mann Mirko vertreiben in dem Online-Shop Wurst, Schinken, Speck und Frischfleisch. Gleichzeitig leitet sie mit ihrem Vater Werner Schulte das 80-Mann-Unternehmen „Lastruper Wurstwaren“ im Oldenburger Münsterland. Ohne die Mutterfirma würde es den Webshop nicht geben. „Wir mussten kaum in Produktionsanlagen, Räumlichkeiten oder Personal investieren.“ Ein klassisches Start-up ist Kalieber also nicht.

100.000 € investiert

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Das Unternehmen Kalieber steht für alte Haustierrassen und faire Erzeugerpreise. Noch braucht der Online-Shop für Tierwohl-Fleisch und Wurst sein Mutterunternehmen – eine alteingesessene Wurstwarenfabrik.

„Es dreht sich was im Markt. Die Leute hören wieder zu, wenn es um Qualität geht.“ Daran glaubt Sarah Dhem, Fleischermeisterin und Geschäftsführerin von „Kalieber“. Sie und ihr Mann Mirko vertreiben in dem Online-Shop Wurst, Schinken, Speck und Frischfleisch. Gleichzeitig leitet sie mit ihrem Vater Werner Schulte das 80-Mann-Unternehmen „Lastruper Wurstwaren“ im Oldenburger Münsterland. Ohne die Mutterfirma würde es den Webshop nicht geben. „Wir mussten kaum in Produktionsanlagen, Räumlichkeiten oder Personal investieren.“ Ein klassisches Start-up ist Kalieber also nicht.

100.000 € investiert

Sarah und Mirko Dhem betreiben einen Online-Shop für Wurst und Frischfleisch. (Foto: Kalieber)

Und doch schwingt bei Kalieber genug unternehmerisches Risiko mit. Für den Webshop, die Markenbildung, Versandkartons und Etiketten investierten Dhems satte 100.000 €.

Unsicher bleibt, ob der Verbraucher bereit ist, dauerhaft Fleisch zu kaufen, dass aufgrund höherer Tierwohl-Standards, längerer Reifezeiten und höherer Erzeugerpreise rund zwei- bis viermal so teuer ist wie das Discounterprodukt.

Tierwohl ist noch Nische

Sarah und Mirko Dhem sind keine Traumtänzer: „Wir machen Kalieber, weil wir daran glauben. Aber mit Sicherheit ist das nicht für alle die Riesenlösung.“ Von riesig kann auch keine Rede sein. Pro Woche verarbeitet Kalieber zehn Bentheimer Landschweine und 25 Schweine aus einem alternativen Aktivstallkonzept. Dazu kommt Rindfleisch vom Galloway, Angus und der Diepholzer Moorschnucke. Das sind etwa 70 Lieferungen pro Woche. Das Fleisch wird zu zahlreichen, auch haltbaren Wurstsorten verarbeitet. Einen Frisch­fleischversand gibt es auch. Alles, was übrig bleibt, kommt in die Werner-Schulte-Wurst – zurzeit noch ein nicht unerheblicher Teil.

Kalieber verspricht dem Kunden bessere Haltungsbedingungen der Tiere. Auf der Webseite werden alle sieben Fleischlieferanten vorgestellt. Zu ihnen pflegen die Dhems eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. „Der Landwirt muss kriegen, was er braucht und auch der Fleischer. Wenn alles passt, profitiert das Tier“, sagt Sarah Dhem.

Vertrauen muss sein

Das bestätigt Michael Ernesti aus dem Kreis Paderborn. Er beliefert Kalieber mit dem Bent­heimer Landschwein. „Ich habe bei dem Preis, den mir Mirko Dhem vor gut fünf Jahren angeboten hat, sofort genickt. Ich fühle mich gut aufgehoben.“ Die Zulieferer kennen die Preise der anderen Erzeuger und erhalten die Chance, ihre eigenen Kalkulationen noch einmal nachzurechnen.

Zerlegt und verarbeitet wird das separat angelieferte Fleisch im Mutterunternehmen. Eine Umstellung für den Betrieb: Wo jahrzehntelang in Teilstückverarbeitung vor allem Zungenwurst hergestellt wurde, wird an vier Tagen in der Woche wie früher das ganze Schwein verarbeitet. „Wir wissen: Dieses Stück ist jetzt ein Aktivschwein“, verspricht Mirko Dhem und zeigt in den gekachelten Kühlräumen die einzelnen Etikettierungen.

Am Preisdruck vorbei

Dann gerät der Koch regelrecht ins Schwärmen über die Möglichkeiten, das Fleisch völlig am sonst herrschenden Preisdruck vorbei  zu verarbeiten. „In die Leberwurst  kommen getrocknete Tomaten, in das Schmalz Fleur de Sel und unsere Speckmarmelade verfeinern wir mit Whiskey.“ Ganz normale Salami, Koteletts, Grillwürstchen und Gurkensülze gibt es aber auch.

Ideologie? Das Fleisch muss besser schmecken.

Mirko Dhem

Neben allen Tierwohl-Versprechen glauben die Kalieber-Gründer an guten Geschmack. „Eine Wahnsinns-Ideologie bringt die Kunden nicht zum Kaufen. Es muss besser schmecken.“ Das bunte Bentheimer Landschwein neigt zum Beispiel zu fettigerem Fleisch. Für Mirko Dhem eine Geschmacksfrage. Die Rasse damit auch zu erhalten, ein netter Nebeneffekt.

Versand ist neues Terrain 

Der Vertriebsweg „Versand“ war neues Terrain. „Wir haben Testpakete durch die ganze Republik geschickt“, erinnert sich Sarah Dhem. Die Temperatur im Päckchen darf nicht über 7°C steigen. Dafür sollte bis vor kurzem eine dicke Styroporkiste mit Kühlakkus sorgen. An diesem wenig nachhaltigen Verpackungskonzept schien sich der am Tierwohl interessierte Kunde kaum zu stören. Doch jetzt haben Dhems auf eine ökologischere Verpackungsalternative umgestellt: Dabei wird recyceltes Altpapier verwendet, dessen Zellulosefasern die Isolierschicht bilden.

Den „bösen“ Verbraucher gibt es nicht

Rein praktisch scheint Kalieber die Herausforderung mit viel Aufwand gemeistert zu haben. Nur der Kunde muss lernen, dass der Versand von Frischfleisch nicht nur teurer ist, sondern auch Regeln unterliegt: Mit Verarbeitung und Versand muss der Kunde meist etwa eine Woche auf sein Fleisch warten.

Wie sollte der Verbraucher bisher auch richtig einkaufen? Der Handel hat ihm ja nichts wirklich Faires geboten.

Sarah Dhem
Fleisch per Post: Gekühlt ohne Styropor?

Viel zu lernen für den Konsumenten. Nach den Erfahrungen der Dhems, hat sich die Hoffnung bestätigt, dass es Kunden gibt, die viel Wert auf die Herkunft, Schlachtung und Verarbeitung der Tiere legen. Genau bei dieser Zielgruppe kommt die Transparenz der Kette vom Landwirt bis zur Vermarktung gut an. „Man muss jedoch bedenken, dass die Online-Bestellung nach wie vor ein Nischenmarkt ist“, sagt Sarah Dhem. „Und man darf nicht außer Acht lassen, dass damit auch nur diejenigen erreicht werden, die sich mit der Online-Welt beschäftigen und ihre Hemmungen gegenüber dem Lebensmittelversand ablegen können.“

Aber das Interesse wächst, die Nachfrage steigt. Mit derzeit 70 Lieferungen pro Woche liegt Kalieber fast im Soll. 75 sollten es laut Business Plan sein. Familie Dhem ist optimistisch. Sie glaubt nicht an den bösen Verbraucher, der nur ‘billig’ will: „Wie sollte er bisher auch richtig einkaufen? Der Handel hat ihm ja nichts wirklich Faires geboten.“