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Verbraucher gestalten Milchpreis

Wie soll das Produkt aussehen, was steckt drinne? Bei "Du bist hier der Chef" haben die Verbraucher die Entscheidung in der Hand. Foto: ximich_natali /stock.adobe.com

Die Initiative „Du bist hier der Chef!“ schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Mehr Mitbestimmung für Verbraucher, eine fairere Vergütung für Landwirte. Dazu lässt sie online abstimmen, welches Produkt wie produziert wird.

Dieser Beitrag ist zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben 15/2020 erschienen.

f3: Herr Barthelmé, bislang entscheiden die Verbraucher vor allem, was in ihrem Einkaufswagen landet, nicht aber, was es in die Supermarktregale schafft. Die Initiative „Du bist hier der Chef!“ will das ändern. Warum und wie?

Der Kopf hinter der Initiative: Gründer Nicolas Barthelmé

Nicolas Barthelmé: Wenn man als Verbraucher vor den Regalen steht, hat man kaum die Chance zu erfahren, wo die Produkte herkommen, wie sie produziert wurden oder ob der produzierende Landwirt davon leben kann. Das Ergebnis ist eine große Verunsicherung und eine zurückhaltende Preisbereitschaft. Wenn Verbraucher den Unterschied zwischen zwei Produkten nicht kennen bzw. daran nicht glauben, greifen sie zum Günstigeren.

Mit der Initiative „Du bist hier der Chef!“ möchten wir Transparenz bei Qualität und Preis schaffen und Verbraucher selbst entscheiden lassen, nach welchen Kriterien ihre Lebensmittel produziert werden sollen und zu welchem Preis sie bereit sind, diese zu kaufen.

f3: Wie genau funktioniert das?

Nicolas: Verbraucher gehen auf unsere Webseite, beantworten den Fragebogen und entscheiden damit über Qualität, Herkunft, Tierwohl, Vergütung für Landwirte, Verpackung und vieles mehr. Dabei sehen sie, wie ihre individuellen Konfigurationen den Preis für das Produkt verändern. Nachdem wir mindestens 5000 Antworten gesammelt haben, fassen wir die Ergebnisse zusammen und lassen die Produkte von unseren Partnern aus Landwirtschaft, Industrie und Handel herstellen und vermarkten.

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Die Initiative „Du bist hier der Chef!“ schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Mehr Mitbestimmung für Verbraucher, eine fairere Vergütung für Landwirte. Dazu lässt sie online abstimmen, welches Produkt wie produziert wird.

Dieser Beitrag ist zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben 15/2020 erschienen.

f3: Herr Barthelmé, bislang entscheiden die Verbraucher vor allem, was in ihrem Einkaufswagen landet, nicht aber, was es in die Supermarktregale schafft. Die Initiative „Du bist hier der Chef!“ will das ändern. Warum und wie?

Der Kopf hinter der Initiative: Gründer Nicolas Barthelmé

Nicolas Barthelmé: Wenn man als Verbraucher vor den Regalen steht, hat man kaum die Chance zu erfahren, wo die Produkte herkommen, wie sie produziert wurden oder ob der produzierende Landwirt davon leben kann. Das Ergebnis ist eine große Verunsicherung und eine zurückhaltende Preisbereitschaft. Wenn Verbraucher den Unterschied zwischen zwei Produkten nicht kennen bzw. daran nicht glauben, greifen sie zum Günstigeren.

Mit der Initiative „Du bist hier der Chef!“ möchten wir Transparenz bei Qualität und Preis schaffen und Verbraucher selbst entscheiden lassen, nach welchen Kriterien ihre Lebensmittel produziert werden sollen und zu welchem Preis sie bereit sind, diese zu kaufen.

f3: Wie genau funktioniert das?

Nicolas: Verbraucher gehen auf unsere Webseite, beantworten den Fragebogen und entscheiden damit über Qualität, Herkunft, Tierwohl, Vergütung für Landwirte, Verpackung und vieles mehr. Dabei sehen sie, wie ihre individuellen Konfigurationen den Preis für das Produkt verändern. Nachdem wir mindestens 5000 Antworten gesammelt haben, fassen wir die Ergebnisse zusammen und lassen die Produkte von unseren Partnern aus Landwirtschaft, Industrie und Handel herstellen und vermarkten.

Wenn Verbraucher den Unterschied zwischen zwei Produkten nicht kennen bzw. daran nicht glauben, greifen sie zum Günstigeren.

Nicolas Barthelmé

f3: „Du bist hier der Chef!“ gründet auf einer Idee aus Frankreich. Wie ist die Initiative dort angelaufen?

Nicolas: Die Bewegung ist in Frankreich vor 3,5 Jahren entstanden. Dort haben Verbraucher bereits mehr als 35 Produkte gestaltet, die über 150 Mio. Mal verkauft wurde. Etwa 3000 Landwirte produzieren exklusiv für die Initiative.

Die Produkte sind bei allen Handelsketten gelistet und entsprechend in mehr als 12 000 Outlets verfügbar. „C’est qui le patron?!“– so der französische Name – ist die Lebensmittelmarke, die im letzten Jahr umsatzmäßig am stärksten gewachsen ist – noch vor allen großen bekannten Marken.

Milch mitentwickeln

f3: Das erste Produkt auf dem deutschen Markt wird Milch sein – warum?

Nicolas: Milch bietet die Möglichkeit, viele für uns als Bewegung wichtige Themen – Umweltschutz, Biodiversität, Tierwohl, Vergütung für die Landwirte – gemeinsam anzugehen. Zusätzlich erlaubt der aktuelle Milchpreis es vielen Milchbauern in Deutschland nicht, kostendeckend zu produzieren. Das wollen wir ändern.

Bis Mitte März konnten Verbraucher über einen Fragebogen auf unserer Webseite das Produkt Milch mitentwickeln (das Ergebnis des Verbrauchervotings können Sie im Kasten nachlesen). Der Fragebogen wurde von Verbrauchern, Landwirten und einer Molkerei zusammen entwickelt.

f3: Sie wollen nicht nur die Verbraucher stärken, sondern zugleich auch Landwirten dabei helfen, besser von ihren Produkten leben zu können. Wie genau?

Nicolas: Wir lassen auch die Vergütung für die Landwirte in unseren Online-Fragebögen wählen und mitbestimmen. Und das ist wichtig! So bekommen Verbraucher ein Gefühl dafür, wie viel Fairness kostet. Die gewählte Vergütung wird auf der Verpackung gedruckt und ist für drei Jahre garantiert.

Bei der Milch haben wir vier Antwort-Möglichkeiten geboten:

  1. Landwirt wird zum aktuellen Marktpreis vergütet: Dieses Preisniveau deckt die Milcherzeugungskosten aktuell nur zu ca. 80 % und erlaubt dem Landwirt nicht, kostendeckend zu produzieren.
  2. Landwirt verliert kein Geld und produziert kostendeckend: Der Milchpreis ermöglicht jetzt, die Betriebskosten zu finanzieren. Jedoch reicht er noch nicht aus, damit der Landwirt von seiner Arbeit gut leben kann.
  3. Landwirt wird fair vergütet und kann in seinen Betrieb investieren: Molkerei und Milchbauer vereinbaren einen Drei-Jahres-Vertrag, der eine faire Vergütung des Landwirts garantiert. Dank der gewonnenen Planungssicherheit können die Betriebe ihre Schulden tilgen bzw. einen notwendigen Investitionsplan finanzieren.
  4. Landwirt wird fair vergütet, kann in seinen Betrieb investieren und bekommt freie Zeit für soziale und gesellschaftliche Projekte: Ein Zusatzbetrag sichert die Entlohnung der Landwirte, wenn sie ihre Zeit für soziale oder gesellschaftliche Projekte investieren (und entsprechend nicht auf dem Betrieb arbeiten können).

Falls sich die Verbraucher mehrheitlich für Antwort 1 entscheiden, würden wir das Produkt nicht auf den Markt bringen. Denn unfaire Produkte gibt es bereits genug. Wir würden zu einem anderen Lebensmittel wechseln und es dort neu versuchen. Aber so weit ist es in Frankreich nie gekommen und auch nicht bei der ersten Umfrage in Deutschland: Die Verbraucher haben sich mit insgesamt 90 % für die Antworten 3 und 4 entschieden.

f3: Wie setzt sich der Preis der Milch zusammen? Wie viel landet beim Landwirt?

Nicolas: Zuerst werden die von den Verbrauchern ausgewählten Kriterien bepreist und kalkuliert. Dann kommen die Kosten für Abholung, Verarbeitung, Verpackung, Lagerung und Auslieferung der Milch durch die Molkerei. Dazu die Spanne für die Molkerei und für den Handel, 5 % für die Initiative und zum Schluss 7 % MwSt.

Wie viel beim Landwirt landet, hängt davon ab, welche Kriterien für Milch und Vergütung für die Landwirte von den Verbrauchern gewählt werden. Es startet bei 0,34 €/Liter und kann bis 0,59 €/Liter für eine Bio-Weide-Milch mit viel Tierwohl (Verkaufspreis im Laden bis 1,46 €) betragen. Nach Auswertung der Umfrage wird die unverbindliche Preisempfehlung für die Verbraucher-Milch 1,45 € betragen. Die produzierenden Landwirte werden eine Vergütung von 0,58 € pro Liter erhalten. 0,70 € fallen für Molkerei, Verpackung, Logistik und Handel an, 0,07 € erhalten wir als Initiative und 0,10 € sind Mehrwertsteuer.

f3: Gibt es schon Kooperationspartner aufseiten des Lebensmitteleinzelhandels und der Landwirte?

Nicolas: Wir haben unter anderem Gespräche mit Kaufland, Rewe, Real, RTG, Tegut, Globus geführt. Die Resonanz war sehr gut, denn der Handel braucht neue Konzepte, um seine Sortimente fairer und nachhaltiger zu gestalten. Die ersten Listungsgespräche werden ab Ende März stattfinden. Auch konnten wir früh Landwirte für unsere Idee und unser Vorhaben gewinnen und sie in die Fragebogenkonzeption miteinbeziehen.

f3: Wie kommen die Kontakte zu den Landwirten zustande? Wer kann mitmachen?

Nicolas: Wir waren viel auf Messen wie der Grünen Woche oder Branchen-Meetings unterwegs. Mittlerweile erreichen wir die möglichen Partner vor allem über Social Media bzw. werden wir von interessierten Landwirten direkt kontaktiert. Grundsätzlich kann jeder mitmachen, der auf der einen Seite unsere Werte teilt, auf der anderen Seite dazu bereit ist, nach den von uns Verbrauchern entschiedenen Kriterien zu produzieren.

f3: Wie finanziert sich die Initiative „Du bist hier der Chef!“?

Nicolas: Den Start der Initiative finanziere ich privat. Ab dem Zeitpunkt, wo Produkte vermarktet werden, erhält die Initiative 5 % des von den Verbrauchern gewählten Preises, um den Aufbau der Community und eines kleinen Teams sowie die Weiterentwicklung unserer Kanäle (digital), die Entwicklung weiterer Produkte und unsere Betriebskosten zu finanzieren.

f3: Mit Blick auf die Bauerndemos in vielen europäischen Ländern drängt sich der Eindruck einer Frontenbildung auf: Landwirte auf der einen, Verbraucher auf der anderen Seite. Kann „Du bist hier der Chef!“ bei einer Annäherung helfen?

Nicolas: Ja, definitiv. Verbraucher entscheiden, was ihnen bei Lebensmitteln wichtig ist und bestimmen die Produktion mit: So bekommen sie gute und nachhaltige Produkte. Landwirte produzieren nach den Wünschen der Verbraucher und erhalten dafür eine faire Vergütung, sodass sie in ihre Betriebe wieder investieren und von ihrer Arbeit leben können.

f3: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Initiative aus?

Nicolas: So schlimm die Corona-Krise auch ist, hilft sie uns, den Blick für das Wesentliche zu schärfen: Gesundheit, Familie und Freunde, gute und gesunde Ernährung oder die Verfügbarkeit von Lebensmitteln. Zudem werden die Begriffe Zusammenhalt und Solidarität neu ausgefüllt: Kleine Läden um die Ecke werden unterstützt und auch Landwirte bekommen Hilfe für die Feldarbeit angeboten. Nach der Krise wird es darum gehen, seinem Leben und seinem Konsumverhalten noch mehr Sinn zu geben. Und dabei werden Transparenz, Mitbestimmung und Fairness bei Lebensmitteln und damit „Du bist hier der Chef!“ als Verbraucher-Initiative sicherlich eine Rolle spielen.

f3: Wie geht es weiter? Welche Produkte folgen?

Nicolas: Mit welchen Produkten wir weitermachen, entscheiden die Verbraucher mittels Voting auf unserer Webseite. Zehn Grundnahrungsmittel stehen zur Auswahl. Zusätzlich können eigene Vorschläge gemacht werden. Aktuell liegen Eier und Kartoffeln so weit vorne, dass wir angefangen haben, nach möglichen Partnern für die Entwicklung der entsprechenden Fragebögen zu suchen.


Die Verbraucher-Milch

Bis Mitte März konnten Verbraucher online „ihre“ Milch gestalten: Wie sollen die Tiere gehalten, wie die Landwirte vergütet und woher das Futtermittel bezogen werden? Durch acht Fragen haben insgesamt 9308 Teilnehmer ihre Wunschmilch gestaltet, die nun von der Initiative „Du bist hier der Chef!“ auf den deutschen Markt gebracht wird.

Im Detail haben sich die Verbraucher entschieden für:

Weidehaltung: Die Kühe sollen mindestens vier Monate auf der Weide verbringen (94 %).
Fütterung: in der Vegetationsperiode überwiegend Frischgras, in der Vegetationsruhe überwiegend Heu und Silage (88 %).
Futtermittel: biologisch, mit Verzicht auf Pestizide auf Grünland und Nutzung von biologischen Pestiziden auf Ackerflächen (86 %).
Herkunft Futtermittel: regional (mind. 50 % aus eigener Produktion / Rest aus angrenzenden Bundesländern; 56 %).
Vergütung: Die produzierenden Landwirte werden eine Vergütung von 0,58 € pro Liter erhalten (90 %).
Tierwohl: ausgezeichnetes Tierwohl (66 %).
Verpackung: nachhaltig und klimaneutral (64 %).
Zudem haben sich 54 % der Teilnehmer dafür ausgesprochen, teilnehmende Betriebe bei der Umstellung von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft zu unterstützen.