farm food Story

Voll die Markenschweine

Christian Vincke züchtet eine westfälische Version des spanischen Ibérico-Schweins im Münsterland. Über den angestrebten Wandel eines landwirtschaftlichen Betriebes. (Foto: Schildmann)

Noch züchtet Christian Vincke konventionell Schweine. Geht sein Plan auf, konzentriert er sich bald ganz auf das Ibérico-Schwein. Dessen Zucht ist eine Herausforderung. Seine Vermarktung die eigentliche Mammutaufgabe. Eine Geschichte über Geduld, Gourmets und Geschichten für Instagram.

Können Schweine eigentlich niesen? Dem dunkelgrauen Ibérico-Ferkel, das gerade in der staubtrockenen Erde wühlt, kribbelt es jedenfalls nicht in der Nase. Neben ihm wirbeln weitere Schweine Staub auf. Andere liegen im Schatten unter den Bäumen eines kleinen Mischwaldes. Die Szene spielt sich nicht etwa in Spanien ab. Die Ibérico-Herde lebt auf einem Resthof von Christian Vincke in der Nähe von Münster in Westfalen.

Im Außengehege können die Ibéricos wühlen. (Foto: Schildmann)

Der Schweinemäster baut sich ein neues Standbein auf. Es liegt nur wenige Minuten von seinem eigentlichen Betrieb mit 2800 konventionellen Mastplätzen und 140 ha Ackerbau entfernt. Läuft alles wie erhofft, könnte es die konventionelle Mast einmal als Hauptstandbein ablösen. Die Idee: Der 33-Jährige züchtet eine westfälische Version des aus Spanien stammenden Ibérico-Schweins. Das bei Köchen beliebte Fleisch sowie die Schinken vermarktet er hochpreisig an Spitzengastronomen, überzeugte Hobbygriller und andere Fleischliebhaber. „Das Fleisch spielt in einer Liga mit dem bekannteren Wagyu-Rindfleisch“, schwärmt Christian. „Auch die Ibéricos haben den hohen Anteil an intramuskulärem Fett.“ Der Betriebsleiter will dem Massemarkt den Rücken kehren. Dafür arbeitet er an einer Gourmetmarke für Menschen, die ihre Wertschätzung für Fleisch auch mit dem Portemonnaie zeigen.

Schinken braucht Zeit, der Landwirt Geduld

„Derzeit verkaufen wir das Fleisch von rund 15 Tieren pro Monat als Tiefkühlware“, sagt Christian. „Der Schinken hängt noch unter der Decke.“ Dieser soll das Aushängeschild von „ibérico westfalia“ werden. Ganz nach dem spanischen Vorbild geht er als Keule über die Ladentheke - inklusive Fuß und markentreuer, schwarzer Pfote. „Erst wird er acht Wochen gepökelt, dann eingeschmalzt und zuletzt getrocknet“, sagt der selbst zum Feinschmecker avancierte Landwirt. „Wir dachten, zwölf Monate Trocknung reichen. Aber es sind doch eher 16 bis 18 Monate.“ Hier ist also Geduld gefragt.

Christian Vincke will den Schinken als ganze Keule vermarkten - aber die meisten Exemplare trocknen noch. (Fotos: Schildmann)

Preislich liegt der Vorderschinken bei rund 45 €/kg, der größere Hinterschinken bei 50 €/kg. Eine Keule kostet also schonmal 300 € oder mehr. Wirklich verkauft hat der Mäster aber erst Einzelstücke. Somit hängt ein Großteil seines Kapitals noch beim Gießener Zerleger. „Wir warten auf Schinken im Wert von gut 40.000 €“, verrät Christian. Aber die erhoffte Spitzenqualität braucht eben ihre Zeit. Der Münsterländer hat der lästigen Warterei bei instagram gleich einen eigenen Hashtag gewidmet: #hamismakingpace (zu dt.: Schinken gibt das Tempo vor). Das Gute daran: Es verschafft ihm Zeit, sein Vermarktungsnetzwerk aufzubauen.

Vermarktung läuft gut an

„Es gibt in Deutschland eine Handvoll Züchter des Ibérico-Schweins“, bestätigt Christian. Aber selten streben diese so offensiv den Aufbau und die Bewerbung einer eigenen Marke an. Der gelernte Landwirt hat sich über die sozialen Medien ein so großes Netzwerk außerhalb der Landwirtschaft aufgebaut, dass seine Vermarktungsoptionen seinen Tierbestand bereits überschreiten.

Das Fleisch spielt in einer Liga mit dem bekannteren Wagyu-Rindfleisch.

Christian Vincke

So verkauft er seine Ware nicht nur über den Direktvertrieb ab Hof. Über die sozialen Medien, Feinschmeckerblogs und das f3-Netzwerk hat er auch mehrere Wiederverkäufer gefunden. Neben der Berliner Szene-Metzgerei „Kumpel & Keule“ und der Mainzer „Fleischboutique Edel-Beef“ führen die Online-Marktplätze „Pielers“ und „Annis Bauernbox“ seit Mitte 2019 das Ibérico-Fleisch. Die Online-Händler verantworten das Marketing und erzählen auf ihren Webseiten Christians Geschichte. Dafür erhalten sie eine Provision von rund 15 % pro Einkauf. Das Filet kostet 5,46€ / 100g. Die Spare Ribs liegen bei 1,91€ / 100g. Ist das Fleisch ausverkauft, wird es als „nicht verfügbar“ angezeigt. Sobald der Schinken fertig ist, soll er online auch in kleinen Portionen angeboten werden.

„Der Online-Verkauf ist für uns lukrativ, da wir unsere Preise vorgeben und auch bekommen“, sagt Christian. „Langfristig interessanter sind aber Kunden aus der Gastronomie. Die nehmen höhere und vor allem planbarere Mengen ab“, sagt der Fleischkenner. Bislang steht er unter anderem in Kontakt zu Sternekoch Ben Peifer aus Kallstadt an der Weinstraße. Dieser will neben Nacken und Rücken auch den Schinken der Ibéricos in seinen Restaurants anbieten. Peifer sagt: „Ich habe mir anfangs ein Probepaket zusammenstellen lassen und war danach schwer begeistert.“ Den Vergleich zum spanischen Ibérico zieht der Koch erst gar nicht. „Dazu habe ich keine große Meinung, da ich selten mit Waren aus dem Ausland arbeite. Grundsätzlich versuchen wir alles über direkte Erzeuger zu beziehen. Dadurch haben wir mehr Kontrolle und können uns sicher sein, die richtigen Menschen zu bezahlen.“ Christian ist froh über den namhaften Abnehmer, sagt aber: „Es muss individuell passen. Es kann sein, dass ein Koch auf einen Schlag 150 Schweinebäckchen sucht - das kann ich derzeit nicht liefern. Aber da wollen wir hin.“

Also nutzt er die Zeit bis zur Reife der Schinken dazu, die Werbetrommel weiter zu rühen, seine eigene Herde zu vergrößern und landwirtschaftliche sowie verarbeitende Partnerbetriebe zu finden. Dazu gleich mehr.

Haltung, Aufzucht, Futter

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Noch züchtet Christian Vincke konventionell Schweine. Geht sein Plan auf, konzentriert er sich bald ganz auf das Ibérico-Schwein. Dessen Zucht ist eine Herausforderung. Seine Vermarktung die eigentliche Mammutaufgabe. Eine Geschichte über Geduld, Gourmets und Geschichten für Instagram.

Können Schweine eigentlich niesen? Dem dunkelgrauen Ibérico-Ferkel, das gerade in der staubtrockenen Erde wühlt, kribbelt es jedenfalls nicht in der Nase. Neben ihm wirbeln weitere Schweine Staub auf. Andere liegen im Schatten unter den Bäumen eines kleinen Mischwaldes. Die Szene spielt sich nicht etwa in Spanien ab. Die Ibérico-Herde lebt auf einem Resthof von Christian Vincke in der Nähe von Münster in Westfalen.

Im Außengehege können die Ibéricos wühlen. (Foto: Schildmann)

Der Schweinemäster baut sich ein neues Standbein auf. Es liegt nur wenige Minuten von seinem eigentlichen Betrieb mit 2800 konventionellen Mastplätzen und 140 ha Ackerbau entfernt. Läuft alles wie erhofft, könnte es die konventionelle Mast einmal als Hauptstandbein ablösen. Die Idee: Der 33-Jährige züchtet eine westfälische Version des aus Spanien stammenden Ibérico-Schweins. Das bei Köchen beliebte Fleisch sowie die Schinken vermarktet er hochpreisig an Spitzengastronomen, überzeugte Hobbygriller und andere Fleischliebhaber. „Das Fleisch spielt in einer Liga mit dem bekannteren Wagyu-Rindfleisch“, schwärmt Christian. „Auch die Ibéricos haben den hohen Anteil an intramuskulärem Fett.“ Der Betriebsleiter will dem Massemarkt den Rücken kehren. Dafür arbeitet er an einer Gourmetmarke für Menschen, die ihre Wertschätzung für Fleisch auch mit dem Portemonnaie zeigen.

Schinken braucht Zeit, der Landwirt Geduld

„Derzeit verkaufen wir das Fleisch von rund 15 Tieren pro Monat als Tiefkühlware“, sagt Christian. „Der Schinken hängt noch unter der Decke.“ Dieser soll das Aushängeschild von „ibérico westfalia“ werden. Ganz nach dem spanischen Vorbild geht er als Keule über die Ladentheke – inklusive Fuß und markentreuer, schwarzer Pfote. „Erst wird er acht Wochen gepökelt, dann eingeschmalzt und zuletzt getrocknet“, sagt der selbst zum Feinschmecker avancierte Landwirt. „Wir dachten, zwölf Monate Trocknung reichen. Aber es sind doch eher 16 bis 18 Monate.“ Hier ist also Geduld gefragt.

Christian Vincke will den Schinken als ganze Keule vermarkten – aber die meisten Exemplare trocknen noch. (Fotos: Schildmann)

Preislich liegt der Vorderschinken bei rund 45 €/kg, der größere Hinterschinken bei 50 €/kg. Eine Keule kostet also schonmal 300 € oder mehr. Wirklich verkauft hat der Mäster aber erst Einzelstücke. Somit hängt ein Großteil seines Kapitals noch beim Gießener Zerleger. „Wir warten auf Schinken im Wert von gut 40.000 €“, verrät Christian. Aber die erhoffte Spitzenqualität braucht eben ihre Zeit. Der Münsterländer hat der lästigen Warterei bei instagram gleich einen eigenen Hashtag gewidmet: #hamismakingpace (zu dt.: Schinken gibt das Tempo vor). Das Gute daran: Es verschafft ihm Zeit, sein Vermarktungsnetzwerk aufzubauen.

Vermarktung läuft gut an

„Es gibt in Deutschland eine Handvoll Züchter des Ibérico-Schweins“, bestätigt Christian. Aber selten streben diese so offensiv den Aufbau und die Bewerbung einer eigenen Marke an. Der gelernte Landwirt hat sich über die sozialen Medien ein so großes Netzwerk außerhalb der Landwirtschaft aufgebaut, dass seine Vermarktungsoptionen seinen Tierbestand bereits überschreiten.

Das Fleisch spielt in einer Liga mit dem bekannteren Wagyu-Rindfleisch.

Christian Vincke

So verkauft er seine Ware nicht nur über den Direktvertrieb ab Hof. Über die sozialen Medien, Feinschmeckerblogs und das f3-Netzwerk hat er auch mehrere Wiederverkäufer gefunden. Neben der Berliner Szene-Metzgerei „Kumpel & Keule“ und der Mainzer „Fleischboutique Edel-Beef“ führen die Online-Marktplätze „Pielers“ und „Annis Bauernbox“ seit Mitte 2019 das Ibérico-Fleisch. Die Online-Händler verantworten das Marketing und erzählen auf ihren Webseiten Christians Geschichte. Dafür erhalten sie eine Provision von rund 15 % pro Einkauf. Das Filet kostet 5,46€ / 100g. Die Spare Ribs liegen bei 1,91€ / 100g. Ist das Fleisch ausverkauft, wird es als „nicht verfügbar“ angezeigt. Sobald der Schinken fertig ist, soll er online auch in kleinen Portionen angeboten werden.

Sternegastronomie nimmt Ibéricos

„Der Online-Verkauf ist für uns lukrativ, da wir unsere Preise vorgeben und auch bekommen“, sagt Christian. „Langfristig interessanter sind aber Kunden aus der Gastronomie. Die nehmen höhere und vor allem planbarere Mengen ab“, sagt der Fleischkenner. Bislang steht er unter anderem in Kontakt zu Sternekoch Ben Peifer aus Kallstadt an der Weinstraße. Dieser will neben Nacken und Rücken auch den Schinken der Ibéricos in seinen Restaurants anbieten. Peifer sagt: „Ich habe mir anfangs ein Probepaket zusammenstellen lassen und war danach schwer begeistert.“ Den Vergleich zum spanischen Ibérico zieht der Koch erst gar nicht. „Dazu habe ich keine große Meinung, da ich selten mit Waren aus dem Ausland arbeite. Grundsätzlich versuchen wir alles über direkte Erzeuger zu beziehen. Dadurch haben wir mehr Kontrolle und können uns sicher sein, die richtigen Menschen zu bezahlen.“ Christian ist froh über den namhaften Abnehmer, sagt aber: „Es muss individuell passen. Es kann sein, dass ein Koch auf einen Schlag 150 Schweinebäckchen sucht – das kann ich derzeit nicht liefern. Aber da wollen wir hin.“

Also nutzt er die Zeit bis zur Reife der Schinken dazu, die Werbetrommel weiter zu rühen, seine eigene Herde zu vergrößern und landwirtschaftliche sowie verarbeitende Partnerbetriebe zu finden. Dazu gleich mehr.

Haltung, Aufzucht, Futter

Die Zuchtsauen stehen am Haupthof der Vinckes. Der 1,5 ha große Auslauf ist auf einem nahe gelegenen Betrieb angesiedelt. (Fotos: Schildmann)

Wer die Ibérico-Schweine begutachten möchte, mit dem fährt Christian auf den Resthof seines Onkels. Dort hat er einen baufälligen Stall von 1935 wieder zugänglich gemacht und auf knapp 1,5 ha ein sorgfältig eingezäuntes Außengehege angelegt – in Zeiten drohender Afrikanischer Schweinepest ein Muss.

Rund 50 Masttieren unterschiedlichen Alters steht hier die Tür zum Wäldchen immer offen. Daheim im noch konventionellen Stall stehen die 50 Zuchtsauen. „Derzeit sind davon erst knapp die Hälfte belegt. Aber mehr als 50 Sauen sollen es eh nicht werden“, verrät der Schweinemäster, der in seiner Ausbildung auf Sauenbetrieben gelernt hat.

Ich finde unser System krank. Wir Landwirte sind immer abhängig von anderen Leuten, die uns den Preis diktieren.

Christian Vincke

Am Hof werden die aus drei Zuchtlinien stammenden Ibérico-Sauen künstlich besamt (zur Zucht, siehe hier unten). Durchschnittlich werden pro Sau „nur“ sechs bis acht Ferkel geboren. Sie bleiben im Stall, bis sie abgesetzt sind. Erst dann geht es an die Außenstelle mit Auslauf. Dort füttert Vincke die Masttiere mit einer Schrotmischung aus eigens angebautem Getreide. Dazu kommt Mineralfutter und ein spezielles Fett. „Eicheln bekommen sie nur von unseren eigenen Bäumen“, sagt Christian. Also nur ab und zu und nur in der Saison. Anfangs hat der Landwirt die teuren Eicheln noch zugekauft. Auch, weil das zur spanischen Ibérico-Story einfach dazu gehört. „Aber das Fleisch ist auch ohne einsame Spitze“, hat Vincke erkannt. Und das zählt für ihn und seine Abnehmer. Statt sich um spanische Siegel zu kümmern, baut der Feinschmecker lieber seine eigene, rechtlich bereits geschützte Fleischmarke auf.

Vermarktung „from nose to tail“

Mit rund 150 bis 160 kg werden die Ibéricos geschlachtet. Sie sind dann etwa 26 bis 27 Monate alt. (Foto: Schildmann)

Die Ibéricos werden etwa 26 bis 27 Monate alt und zwischen 150 und 160 kg schwer, bevor sie das Unternehmen Tummel im westfälischen Schöppingen schlachtet. Von dort gehen die Ibérico-Hälften gekühlt und noch mit schwarzem „Schuh“ ausgestattet zum Zerleger nach Gießen. Dieser verarbeitet sie zu Schinken und versandfertigen Einzelportionen – was anspruchsvoll ist, da die Abnehmer oft spezielle „Cuts“ fordern. Sternekoch Ben Peifer etwa fand den Einstieg über das sogenannte Secreto, einen in Spanien beliebten Fleisch-Cut zwischen Rücken und Rückenspeck.

Sowas regelt Andrea Vincke. Die Ehefrau von Christian weiß als studierte Landwirtin, wovon sie spricht. Dennoch musste sie sich in viele Punkte neu einarbeiten: „Heute kümmere ich mich um die richtigen Cuts, kommuniziere mit Wiederverkäufern, Metzgern und Kunden und versende die Ware, die ab Hof verkauft wird.“

Bei Ibérico Westfalia wird möglichst das ganze Tier vermarktet – weniger beliebte Teile sollen aber nicht um jeden Preis verramscht werden. „Wir frieren erstmal alles ein und hoffen, dass sich jemand mit einer guten Verarbeitungsidee meldet“, lacht Christian. Das scheint weniger unrealisitisch zu sein, als man meinen könnte. „Letztens hat uns ein Gastronom alle Zungen abgenommen und daraus Carpaccio gemacht“, sagt Andrea. „In Trier stellt ein Metzger Ibérico-Schmalz her und in Aurich einer Ibérico-Salami.“ Natürlich stets mit dem Ibérico-Marketing. Eine Bratwurst ist ebenfalls in Planung – wieder mit einem anderen Ansprechpartner. Was die Wertschöpfung pro Tier also einerseits erhöht, kostet auf der anderen Seite Organisationszeit. Solche Liebhaber wollen erstmal gefunden werden.

Andrea Vincke steckt voll mit im Ibérico-Betrieb. Sie kümmert sich um Buchhaltung, Versand und die Kommunikation mit Kunden. (Fotos: Schildmann)

Reichweite über die Online-Kanäle

„Am Wochenende habe ich sieben Schweine zum Schlachter gebracht und alle verwertbaren Teile waren vorbestellt“, erzählt Christian mit einer Mischung aus Stolz und Erleichterung. Und weil die Nachfrage das Angebot bereits übersteigt, arbeiten die Vinckes bereits mit zwei Landwirten zusammen, die ihnen Ibéricos zuliefern – quasi als Franchise-Nehmer. „Ein Betrieb in der Nachbarschaft liefert mir Tiere zu, die ich über mein Netzwerk mitvermarkte“, sagt Christian. Aber da soll in Zukunft noch mehr gehen. In einem Jahr will er etwa 50 Tiere im Monat verkaufen. In zwei Jahren dann 100. Mit 50 eigenen Zuchtsauen braucht er die Zulieferer auch. Wie es scheint, ist Wachstum auch im Gourmetsegment möglich.

Tatsächlich hat sich eine regelrechte Szene von Fleischfans gebildet, die gern grillen, gut kochen und auf Gourmetfestivals fahren. Sie abonnieren Slow-Food-Magazine, absolvieren Schneidekurse und kaufen in Fleischboutiquen statt im Discounter. Sie reden nicht nur über den nächsten Grillabend, sie stecken auch Geld hinein. Dabei isst die Szene lieber weniger Fleisch, aber dafür welches aus besonderen Haltungskonzepten. Markenschweine sozusagen.

Ibérico-Vermarktung aufwendig

Wie kommt es dann, dass die meisten deutschen Landwirte an dieser zugegebenermaßen exklusiven, aber zahlungskräftigen Nische so wenig mitverdienen? Eine Antwort liegt wohl in der aufwendigen Vermarktung. „Im Sommer bin ich an zwei bis drei Tagen, im Winter eher an vier bis fünf Tagen unterwegs in ganz Deutschland“, so der Hofnachfolger. Dann trifft er Kontakte, die er meist digital kennengelernt hat, bringt Probierpakete persönlich vorbei und geht auf Food-Festivals. Seine Eltern sind es dann, die den konventionellen Betrieb am Laufen halten. „Nur deshalb habe ich den Freiraum für die Ibéricos“, sagt Christian.

In den neuen Medien muss man sich selbst ein Standing erarbeiten und sich für andere interessant machen.

Christian Vincke

Ein zusätzlicher Stolperstein auf dem Weg zur Nische: Wer außerhalb seiner eigenen, derzeit so vielzitierten Filterblase vermarkten möchte, muss diese erstmal selbst verlassen. Und das ist wohl leichter gesagt, als getan. Christian hat es geschafft, über die sozialen Netzwerke viele Menschen aus der Gourmet-Szene kennenzulernen. „Auch Leute aus den Bereichen Mode und Musik melden sich oft“, wundert sich Christian.

Mit Fotos, Statements und Videos in den sozialen Medien hat Christian Vincke eine große Reichweite aufgebaut. (Fotos: Schildmann)

Auf Instagram folgen ihm knapp 1800 Nutzer, bei Facebook sind es nochmal über 1000. Nicht jeder Follower ist auch ein Kunde – aber die Nachfrage ist da. Die Zahlungsbereitschaft auch. Und die meisten Follower stammen eben nicht aus der Landwirtschaft. Das bringt Reichweite und neue Zielgruppen. „Ich wollte anfangs eigentlich nicht mitmachen, bei dieser Online-Selbstdarstellung“, sagt der Learning-by-Doing-Blogger. Doch dann meldeten sich plötzlich private Abnehmer und Köche. Sie fragten Ware an, ohne, dass er Geld in Werbung investiert hätte. Seitdem weiß er: „In den neuen Medien muss man sich selbst ein Standing erarbeiten und sich für andere interessant machen.“ Dann lässt sich damit auch Geld verdienen.

Bestehendes Agrarsystem verlassen

Geld, dass Christian vor der Ibérico-Zeit eigentlich weiterhin in der konventionellen Tierhaltung verdienen wollte. Selbst in Zeiten von „Wachsen oder Weichen“ sozialisiert, wollte er in den Jahren bis 2014 dem Mengensystem die Treue halten, um zukunftsfähig zu bleiben. Geplant war der Einstieg in die Geflügelmast und ein neuer Schweinemaststall. Aber daraus sei nach Bürgerprotesten und zurückgezogenen Genehmigungen nichts geworden, erzählt Christian. „Für die Familie war das eine harte Zeit“, erinnert sich der Landwirt.

Je nachdem, wie alles weitergeht, könnte der Umstieg in vier bis fünf Jahren glücken.

Christian Vincke

Der Hof sollte es dennoch in die nächste Generation schaffen. Die Konsequenz: Raus aus dem System, hin zu mehr unternehmerischer Freiheit. Heute geht Christian mit seiner Branche zum Teil hart ins Gericht. Er sagt: „Ich finde unser System krank. Wir Landwirte sind immer abhängig von anderen Leuten, die uns den Preis diktieren. An irgendeiner Stelle ist die Landwirtschaft falsch abgebogen.“

Mit dem Wissen von heute fragt er sich auch, ob die Landwirte vor lauter Prozessoptimierung schlichtweg verlernt haben, den Blick etwas weiter, auch über neue Trends schweifen zu lassen. „Andererseits“, so kreidet der Junglandwirt an, „brauchen die Bauern auch endlich mal neuen Input von außen und müssen sich selbst auf andere zu bewegen.“

Gläserne Abferkelbucht, statt Spaltenböden

„Von heute auf morgen würde ich das eine System gegen das andere tauschen“, paukenschlägt Christian. Um dann im nächsten Augenblick wieder Musterschüler in Sachen Geduld zu sein. Denn eigentlich sind seine Pläne auf lange Sicht angelegt. #hamismakingpace, eben. So ist es ja gerade die konventionelle Bewirtschaftung, die ihre eigene Umwandlung finanziert. Die Metamorphose eines landwirtschaftlichen Betriebes, wenn man so schön will.

Schweinemäster verdienen derzeit gutes Geld. Ohne einen Kredit hat der Landwirt ein sechsstelliges Investment in die Tiere, erste Umbauten, die Webseite, Merchandise-Artikel und den Markenaufbau stemmen können. Und laut Christian werden die Baustellen noch größer: „Im Moment stehen die Zuchtsauen noch auf Spalten. Das gilt in der Gesellschaft aber nicht als Tierwohl-gerecht.“ Umbauideen liegen vor. „Die Vollspalten sollen bei den Sauen raus“, so der 33-Jährige.

Zusätzlich plant er die schrittweise Umwandlung von knapp 600 konventionellen Mastplätzen zu Buchten mit Auslauf nach draußen für die Ibéricos. Den Anfang macht ein Abteil mit 120 Plätzen. Eine gläserne Abferkelbucht gibt es bereits. Ebenfalls schon im Bau befindet sich ein Reiferaum für gut 800 Schinken. Sogar den Raum für eine Eventküche kann man in Augenschein nehmen. „Je nachdem, wie alles weitergeht, könnte der ganze Umstieg in vier bis fünf Jahren glücken“, sagt Christian. „Vielleicht auch eher.“ Bis dahin stehen die konventionellen Kollegen der Ibéricos auch weiterhin noch eine Stalltür weiter. Das eine geht – zumindest noch nicht – ohne das andere. Aber so ist gesunder Wandel eben. Wenn er Stück für Stück aus sich selbst heraus erwächst.


Dubiose Zucht der Ibéricos: Reinrassig oder nicht?

Das Ibérico-Schwein ist eigentlich auf der iberischen Halbinsel, also in Spanien, beheimatet. Glaubt man deutschen Züchtern wie Christian Vincke, hüten die Spanier ihr Zuchtmaterial wie ihren Augapfel. Zugegebenermaßen haftet dem Thema eine gewisse Dubiosität an. Wie züchtet man ein Markenschwein ohne Markenherkunft?
Christian Vincke hat nach eigenen Angaben 2017 die ersten fünf Ibérico-Ferkel und eine reinrassige Zuchtsau in Spanien gekauft. Offizielle Papiere gab es nicht. Christian Vincke hat nach längerem Kennenlernen das Vertrauen zu einem privaten Züchter gefasst, der die Herkunft zumindest handschriftlich nachweisen konnte. Besamt hat er die Sau mit dem Sperma des einzigen spanischen Ebers, der damals noch für den Export zugelassen war. Diesen Eber gibt es zwar heute nicht mehr, aber Christian zog daraus einen eigenen Zuchteber.

Seine mittlerweile durch Zukäufe und durch eigene Nachzucht auf 50 Tiere angewachsene Zuchtsauenherde stammt aus drei verschiedenen Linien. Sie werden mit Sperma seines eigenen Ebers, eines Ebers von der Eberstation GFS Ascheberg und einem Duroc-Eber besamt. Die Rasse Duroc ist bekannt dafür, gute Schinken auszubilden. Auch in Spanien ist die Kreuzung mit Durocs gängige Praxis. Denn der Duroc-Einschlag hat den züchterischen Vorteil, dass durchschnittlich mehr Ferkel geboren werden, die etwas schneller gemästet werden können.