farm Story

Wachteleier aus dem Sauerland

Die Wachteln verstecken ihre Eier in der Einstreu. Thorsten Schmidt durchsucht zweimal täglich die Volieren. (Foto: Schildmann)

Thorsten Schmidt hält Wachteln. Was als Hobby begann, entwickelte sich für den Quereinsteiger in die Landwirtschaft zum Haupterwerb. Der Sauerländer kämpft aber mit einem weitverbreiteten Klischee an der Ladentheke.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben 15/2020.

Vorsichtig durchstöbert Thorsten Schmidt die Einstreu aus Stroh und Flachs. „Ich habe jeden Tag Ostern“, sagt der Sauerländer. Denn morgens und abends macht er sich auf Eiersuche. Die Eier sind gerade mal 12 g schwer, etwa 5 cm groß und haben eine gesprenkelte Schale. Es sind Wachteleier und anders als das Huhn verliert die Wachtel ihr Ei beiläufig und legt es alle 18 Stunden irgendwo in der 4 m² großen Voliere ab. Die teilt sie sich mit 50 weiteren Hennen.

Insgesamt hält Thorsten knapp 300 Wachteln, darunter 220 Legehennen. Hinzukommen vier ha Grünland. Damit führt er einen der kleinsten Geflügelbetriebe Westfalens, ist aber einer der größten Wachtelhalter Deutschlands. Unter dem Namen „Sauerlandwachteln“ vertreibt er Eier, Fleisch und Eiprodukte.

Kein gelernter Landwirt

Auch wenn die Eiersuche Zeit frisst, bedeutet der Umgang mit den Tieren für Thorsten Entspannung. „Im Stall tickt die Uhr anders. Ich muss runterkommen. Denn die Tiere spüren Stress“, erzählt der dreifache Familienvater und lockert mit einem Rechen die Einstreu auf. „Bett machen“ nennt er diese tägliche Arbeit.

Sechs Volieren, von dem Wachtelhalter selbst gezimmert, stehen in einem ehemaligen Bullenstall in Sundern-Altenhellefeld. Die Spalten sind noch sichtbar. Knapp 400 m² des Stalls hat der 45-Jährige Ende 2019 von einem Bekannten für seine Wachteln gepachtet. Hier hat er mehr Platz als zu Hause im zehn Kilometer entfernten Sundern-Stockum. Doch da fing alles an: Wer Thorsten vor zehn Jahren gesagt hätte, dass er mal Landwirt wird und mit Tieren die Haupteinnahme für seine Familie verdient, dem hätte er damals einen Vogel gezeigt. Zwar hat das Dorfkind schon immer den Bauern in der Nachbarschaft geholfen und auch mal Pferde gehalten, doch er kommt weder vom Hof noch hat er eine Ausbildung zum Landwirt.

Wachteln
Von der Masse her ergeben 3-4 Wachteleier ein Hühnerei. (Foto: Schildmann)

Die Leidenschaft für den kleinsten Hühnervogel Europas begann vor sieben Jahren mit zwei Hennen und einem Hahn. Sein Sohn wünschte sie sich als Haustier. „Die Wachtel ist der Hamster unter den Geflügelarten und ideal für Kinder“, sagt Thorsten. Als Hobbyzüchter vertrieb er die ersten Tiere per Ebay-Kleinanzeigen im Internet.

Kleines Ei, große Wirkung

Auch heute noch verkauft er Wachteln an Hobbyhalter. Doch mittlerweile steht das Ei im Mittelpunkt – entweder frisch oder verarbeitet in Nudeln, Eierlikör oder Gebäck. Das Potenzial des Eis entdeckte der gelernte Elektroinstallateur und Kaufmann eher zufällig. Zu Anfang verschenkte er überschüssige Eier an Bekannte und verkaufte selbst gemachten Eierlikör auf einem Weihnachtsmarkt. Das Ei fand Anklang.

Die Wachtel ist der Hamster unter den Geflügelarten und ideal für Kinder.

Thorsten Schmidt

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Thorsten Schmidt hält Wachteln. Was als Hobby begann, entwickelte sich für den Quereinsteiger in die Landwirtschaft zum Haupterwerb. Der Sauerländer kämpft aber mit einem weitverbreiteten Klischee an der Ladentheke.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben 15/2020.

Vorsichtig durchstöbert Thorsten Schmidt die Einstreu aus Stroh und Flachs. „Ich habe jeden Tag Ostern“, sagt der Sauerländer. Denn morgens und abends macht er sich auf Eiersuche. Die Eier sind gerade mal 12 g schwer, etwa 5 cm groß und haben eine gesprenkelte Schale. Es sind Wachteleier und anders als das Huhn verliert die Wachtel ihr Ei beiläufig und legt es alle 18 Stunden irgendwo in der 4 m² großen Voliere ab. Die teilt sie sich mit 50 weiteren Hennen.

Insgesamt hält Thorsten knapp 300 Wachteln, darunter 220 Legehennen. Hinzukommen vier ha Grünland. Damit führt er einen der kleinsten Geflügelbetriebe Westfalens, ist aber einer der größten Wachtelhalter Deutschlands. Unter dem Namen „Sauerlandwachteln“ vertreibt er Eier, Fleisch und Eiprodukte.

Kein gelernter Landwirt

Auch wenn die Eiersuche Zeit frisst, bedeutet der Umgang mit den Tieren für Thorsten Entspannung. „Im Stall tickt die Uhr anders. Ich muss runterkommen. Denn die Tiere spüren Stress“, erzählt der dreifache Familienvater und lockert mit einem Rechen die Einstreu auf. „Bett machen“ nennt er diese tägliche Arbeit.

Sechs Volieren, von dem Wachtelhalter selbst gezimmert, stehen in einem ehemaligen Bullenstall in Sundern-Altenhellefeld. Die Spalten sind noch sichtbar. Knapp 400 m² des Stalls hat der 45-Jährige Ende 2019 von einem Bekannten für seine Wachteln gepachtet. Hier hat er mehr Platz als zu Hause im zehn Kilometer entfernten Sundern-Stockum. Doch da fing alles an: Wer Thorsten vor zehn Jahren gesagt hätte, dass er mal Landwirt wird und mit Tieren die Haupteinnahme für seine Familie verdient, dem hätte er damals einen Vogel gezeigt. Zwar hat das Dorfkind schon immer den Bauern in der Nachbarschaft geholfen und auch mal Pferde gehalten, doch er kommt weder vom Hof noch hat er eine Ausbildung zum Landwirt.

Wachteln
Von der Masse her ergeben 3-4 Wachteleier ein Hühnerei. (Foto: Schildmann)

Die Leidenschaft für den kleinsten Hühnervogel Europas begann vor sieben Jahren mit zwei Hennen und einem Hahn. Sein Sohn wünschte sie sich als Haustier. „Die Wachtel ist der Hamster unter den Geflügelarten und ideal für Kinder“, sagt Thorsten. Als Hobbyzüchter vertrieb er die ersten Tiere per Ebay-Kleinanzeigen im Internet.

Kleines Ei, große Wirkung

Auch heute noch verkauft er Wachteln an Hobbyhalter. Doch mittlerweile steht das Ei im Mittelpunkt – entweder frisch oder verarbeitet in Nudeln, Eierlikör oder Gebäck. Das Potenzial des Eis entdeckte der gelernte Elektroinstallateur und Kaufmann eher zufällig. Zu Anfang verschenkte er überschüssige Eier an Bekannte und verkaufte selbst gemachten Eierlikör auf einem Weihnachtsmarkt. Das Ei fand Anklang.

Die Wachtel ist der Hamster unter den Geflügelarten und ideal für Kinder.

Thorsten Schmidt

Von der Masse her ergeben drei bis vier Wachteleier ein Hühnerei. Doch es überzeugt mit seinen inneren Werten: Neben einem eigenen Aroma hat das Wachtelei fast kein Cholesterin, gilt als entzündungshemmend und dient als Ersatz für Hühnereiallergiker. Außerdem umweht das Ei die Aura der Natürlichkeit, da es von einem Wildgeflügel stammt. Dennoch gab es kaum ein Angebot für Eier aus deutscher Bodenhaltung. Hauptsächlich stammen Wachteleier und -fleisch aus Käfigen in Spanien, Italien und Frankreich.

Kampf gegen Klischee um die Wachteln

2014 meldete Thorsten, der damals noch als selbstständiger Elektroinstallateur seine Brötchen verdiente, den Nebenerwerb an, kaufte sich erste Brüter und erweiterte seinen Bestand. Zum Jahresbeginn 2017 registrierte er sich mit knapp 160 Tieren als Vollerwerbsbetrieb und ließ Phasenprüfer und Seitenschneider weitgehend ruhen. Aktuell stehen 750 Tiere in seinem Stall.

Wachteln
Gut zu erkennen: Hier tummelten sich früher Mastbullen. (Foto: Schildmann)

Der Sauerländer war selbst früh von der Güte des Wachteleis überzeugt, doch die Nachfrage beim Verbraucher und Handel musste er oft erst wecken. Bis heute kämpft Thorsten mit dem Klischee, dass die Wachtel – egal ob Ei oder Fleisch – als Delikatesse gilt. „Ich möchte zeigen, dass das Wachtelei ein Alltagsprodukt ist“, sagt er. Daher gehört etwas Missionsarbeit dazu – sei es das direkte Gespräch mit dem Kunden, über seine Homepage oder mittlerweile auch über Facebook und Insta­gram. Aber ganz wichtig ist natürlich der Preis: So nimmt er für 12 Eier in der Schachtel 3,50 €. Im Handel kosten seine Eier etwas mehr. Damit liegt er aber unter dem Bioangebot und garantiert trotzdem, dass die Eier nicht aus Käfigen oder dem Ausland stammen. Seit drei Jahren vertreibt Thorsten seine Produkte über einen Onlineshop. Zu seinen Kunden zählen Privatleute, Restaurants und Hotels in ganz Deutschland. Pro Monat verschickt er ungefähr 25 Pakete.

Verschiedene Absatzwege für die Wachteln

Der Unternehmer liefert seine Produkte auch selbst an zehn Verkaufsstellen in Südwestfalen. Das sind Feinkostgeschäfte, Hofläden und Metzgereien. Mittlerweile zählt auch ein Supermarkt dazu. Diesen Pfad möchte er weitergehen und ist mit einer Handelskette um weitere Verkaufsstellen im Gespräch. Außerdem plant der Geflügelhalter, mit einem Verkaufswagen die Märkte der Umgebung anzusteuern. Denn er möchte das Wachtelei aus der Nische holen.

Ich möchte zeigen, dass das Wachtelei ein Alltagsprodukt ist.

Thorsten Schmidt

Dazu erhalten die Verkaufsstellen die Eier auf Kommission und bezahlen nur die verkauften. Alle drei Wochen tauscht Thorsten die Eier. Die rückläufigen Eier wandern in haltbare Produkte wie Nudeln oder Eierlikör sowie in Kanister mit Vollei und Eigelb für die Gastronomie. „Wir werfen kein Ei weg“, sagt er. Dafür sind sie zu wertvoll.

Eigene Linie gekreuzt

Mindestens 60 % seines Umsatzes und Gewinns macht der Verkauf der frischen Eier aus. 20 % fallen auf die verarbeiteten Produkte und 20 % auf das Wachtelfleisch. Pro Tier und Jahr liegt der Gewinn bei knapp 45 €. Denn er verkauft nicht nur die Eier, sondern auch das Fleisch. Für ihn ist die Wachtel ein Zweitnutzungstier. Er kreuzt dazu die japanische Legewachtel mit der französischen Mastwachtel und hat mittlerweile eine eigene Linie im Stall, die es auf ein Schlachtgewicht von bis zu 240 g bringt. Das Fleisch stammt von den Hähnen, die er nach zwölf Wochen schlachtet. Aber auch die Hennen kommen nach acht Monaten unters Beil. „Die Legeleistung lässt dann nach und ich könnte sonst die Nachfrage an Eiern nicht mehr decken“, sagt er.

Wachteln
Noch füttert Thorsten die Wachteln per Hand. Auf Dauer plant der gelernte Elektroinstallateur, die Fütterung zu automatisieren. (Foto: Schildmann)

Wichtig, um die Legeleistung zu halten, ist vor allem das Futter – sein größer Kostenfaktor. Zwar liegt pro Tag und Tier der Verbrauch gerade mal bei knapp 80 g, aber die Qualität des Futters muss stimmen. Der Unternehmer schwört auf ein hochwertiges Legemehl, das ihm eine Mühle aus der Region mischt. Hinzukommen Körner, Mineralien und ein paar geheime Zutaten wie Kräuter und Saaten für seine „Hochleistungssportler“, wie er sie nennt. Denn das richtige Futter hält nicht nur die Legeleistung konstant, sondern auch das Tier gesund. So verwendet er keine Antibiotika und impft die Wachteln nur gegen die Newcastle-Krankheit. Die Eier packt und verarbeitet er zu Hause. Neben Packstation, einer extra Küche samt Nudelmaschine hat der Hobbyjäger dort auch den Schlachtraum.

Stall im Stall

Bis Ende 2019 hielt er am Haus alle Tiere – zu Beginn in einer Gartenhütte, später in einem Stall von der Größe einer Doppelgarage. Zurzeit befinden sich dort nur noch Zucht und Brüterei. Beides soll aber auch nach Altenhellefeld umziehen – allein schon um die Transportwege kurz zu halten.

In dem Wachtelstall in dem ehemaligen Bullenstall hat Thorsten genug Platz mit mehr Tieren, sein erprobtes Haltungskonzept umzusetzen. Er bezeichnet es selbst als „naturnah ohne Auslauf“. Abseits der Bioschiene ist in Deutschland in der Wachtelhaltung wenig geregelt. In der ganzen Republik gibt es keine zehn Betriebe, die ausschließlich Wachteln gewerblich halten. Die Wachtel gilt als Wildgeflügel und selbst die Käfighaltung ist in Deutschland nicht verboten. Seitens der EU dürfen bis zu 40 Tiere auf einem Quadratmeter gehalten werden – für Thorsten zu viel. Bei ihm kommen maximal 20 Tiere auf die gleiche Fläche. Gemeinsam mit anderen Haltern fordert er, dass die Wachtelhaltung in Deutschland klare Regeln bekommt. Nicht ohne Stolz erzählt der Quereinsteiger, dass in diesem Jahr ein Gutachter des Bundeslandwirtschaftsministeriums seine Volieren unter die Lupe genommen hat.

Doch der Wachtel-Pionier hat weitere Pläne: Nächstes Jahr zu Ostern möchte er mindestens tausend Legehennen halten. Platz ist in dem ehemaligen Bullenstall vorhanden, damit jede Wachtel ausreichend Platz zum Picken und Scharren hat und Thorsten seiner artgerechten Haltung treu bleiben kann.