digital Perspektivwechsel

Was Digitalgründer brauchen

Alteingesessene Branchen wie die Landwirtschaft ticken anders als die digitale Gründerszene. Was das für die Politik bedeuten könnte, darüber hat f3 mit Julia Kasper gesprochen. (Foto: Drießen)

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Ob Investitionen oder die Kooperationsbereitschaft: Alteingesessene Branchen wie das Handwerk ticken oft anders als die digitale Gründerszene. Was das für die Politik bedeuten könnte, darüber hat f3 mit Julia Kasper gesprochen.

f3 – farm. food. future: Inwiefern unterscheiden sich die Forderungen an die Politik aus Branchen, die sich mit der Digitalisierung vermeintlich schwer tun, von denen anderer, eher digitaler Branchen?

Digitalexpertin Julia Kasper

Julia Kasper: Digitalideen sind attraktiv, da sie oftmals schnell und mit einem überschaubaren Einsatz von Mitteln groß gezogen werden können. Diese Denkweise „think big“ ist nicht gerade eine ureigene Eigenschaft im Handwerk. Investitionen sind hier eher kapitalintensiv und zielen direkt auf das Anlagevermögen ab, also all das, was physisch sichtbar ist. Ich denke, in der Landwirtschaft ist das ähnlich.

Investiert ein Handwerker aber in Digitalprodukte, so ist erstmal nichts davon sichtbar. Die Betrachtungsweise auf solche Investitionen müsste sich wandeln – und das wiederum könnte die Politik fördern. Zudem ist das Handwerk in einem sehr fragmentiertem Markt unterwegs. Es gibt also viele kleine Player. Digitalideen fußen oft auf dem Gedanken der Vernetzung und Kooperation, entweder mit neuen Kundengruppen oder Geschäftspartnern. Genau das sollte die Politik fördern und versuchen, in den Köpfen zu verankern.

Investiert ein Handwerker in Digitalprodukte, ist erstmal nichts davon sichtbar.

Julia Kasper

f3 – farm. food. future: Sich mit jungen Gründern zeigen und auf Tuchfühlung gehen – das sind tolle Termine für Politiker. Doch welche Forderungen haben (Digital)-Gründer an die Politik? Woran hapert es noch in der deutschen Gründerszene, außer an schnellem Internet?

Julia Kasper: Oh, ja, schnelles Internet wäre fein! Aber im Ernst, es hat sich in den letzten Jahren schon etwas entwickelt: Neben dem Gründer-Hot-Spot Berlin haben sich Gründer-Szenen auch im Raum Köln/Düsseldorf, München und anderen Städten sowie ländlichen Regionen aufgebaut. Das liegt auch daran, dass es vermehrt Seed-Stage Finanzierung gibt, also die Investition für die frühe Unternehmensphase.

Wachstum gewollt

Julia Kasper: Dennoch fußt ein großer Teil des Erfolgs eines Start-ups auf den Fähigkeiten, Wachstum auf die Beine zu stellen. Dieser Durchbruch gelingt nur wenigen. Die Politik fördert zwar oft Initiativen, die Gründungen begünstigen. Wer aber die ersten 3 bis 5 Jahre geschafft hat und dann den nächsten großen Sprung schaffen müsste, der findet nur wenig Angebot.

Angst und „Nicht-Zugänglichmachen“ von Daten ist kein guter Ratgeber.

Julia Kasper

Julia Kasper: Es wird für uns in Deutschland und Europa wichtig sein, digitale Erfolgsmodelle aufzubauen. Dies muss die Politik weiter fördern mit investorenfreundlichen Rahmenbedingungen sowie der festen Verankerung von Digitalwissen in Schulen und Universitäten.

Das Ding mit den Daten

f3 – farm. food. future: In der Landwirtschaft drehen sich viele digitale Geschäftsmodelle um die Nutzbarmachung von Daten: Satellitendaten oder aber Daten, die der Landwirt vom Acker sammelt. Die Gründer wollen Zugang zu den Daten haben, der Landwirt hat Angst davor, die Datenhoheit zu verlieren. Wie sollte sich Politik da positionieren?

Julia Kasper: Ja, das ist ein echtes Thema. Wobei ich sagen muss, dass Angst und „Nicht-Zugänglichmachen“ von Daten kein guter Ratgeber ist. Mithilfe von Drohnen- und Satellitentechnologie können die Daten ohnehin früher oder später ausgewertet werden. Das Thema sollte als Chance betrachtet werden: Wenn es Teams gibt, die die Daten intelligent auswerten können und so nutzen, dass neue Werte daraus entstehen, dann finden sich auch Wege, wie die Landwirte daran partizipieren. Lizenzen, Umsatzbeteiligungen oder ähnliches können die entstandenen Werte auch für die Landwirte positiv wirken lassen. Und außerdem, ein Stück zum neuen, digitalen Fortschritt beizutragen, ist für jeden einzelnen spannend!

Die Leerstelle in der Lehre: digitales Know-how free

f3 – farm. food. future: Start-ups entwickeln Innovationen, von denen sogar führende Unternehmen noch nie gehört haben – wie soll da die Politik auf dem aktuellsten Stand sein? Wie können wir diesem Geschwindigkeits-Problem entkommen?

Julia Kasper: Dass Start-ups Innovationen entwickeln, die führende Unternehmen nicht auf dem Radar haben, ist oftmals ein Indiz für eine Disruption. Genau wie Unternehmen, muss auch die Politik diese Innovationen, insbesondere die technischen, frühzeitig erkennen. So ist Deutschland leider im Rückstand was die Vernetzung mit dem Mobilfunkstandard 5G angeht. Andere Länder sind damit ausgestattet, während hierzulande Pilotprojekte an den Start gehen.


Perspektivwechsel mit Julia Kasper

Julia Kasper stammt nicht aus der Landwirtschaft, hat aber Erfahrungen mit der Digitalisierung von Geschäftsmodellen in einer ähnlich traditionellen Branche: dem Handwerk. Mit holzgespür hat sie einen Online-Möbelkonfigurator entwickelt. Sie ist Mitglied im Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium.