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Welche Strategie wählen Betriebsleiter – und warum?

Gerade die Einbeziehung der Familie fördert die Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Betriebe. (Foto: stock.adobe.com/auremar)

Sich an neue Kulturen wagen oder lieber beim Bewährtem bleiben? Pionierarbeit leisten oder den Betrieb gar abstocken? Eine Umfrage der Uni Göttingen blickt auf Faktoren, die unternehmerische Entscheidungen von Landwirten beeinflussen.

f3 - farm. food. future: Liberalisierte Agrarmärkte, hoher Wettbewerbsdruck und veränderte gesellschaftliche Anforderungen verändern das Berufsbild des Landwirts: Wie passt dazu deine Umfrage unter Landwirten, in der du deren unternehmerische Aktivität analysierst?

Viktoria Graskemper: Vor einigen Jahrzehnten ging es in der Landwirtschaft darum, die Versorgung mit Lebensmitteln zu niedrigen Preisen sicherzustellen. Heute werden landwirtschaftliche Produktionsweisen zunehmend kritisch betrachtet. Das zwingt Landwirte dazu, sich ebenfalls kritisch mit ihrem Tun auseinander zu setzen, um im Strukturwandel bestehen zu können. Daher schaue ich, welche Entwicklungsstrategien die Betriebsleiter verfolgen und warum.

Viktoria Graskemper hat Landwirte zu ihren unternehmerischen Entscheidungen befragt. (Foto: B. Lütke Hockenbeck)

Mögliche Anpassungsstrategien

f3: Welche Anpassungsmöglichkeiten haben Landwirte denn? Gilt das „wachsen oder weichen“ noch?

Viktoria: Die Ausweitung klassischer landwirtschaftlicher Produktion bietet längst nicht mehr allen eine Zukunftsperspektive. Vor allem Betriebe, die in der Nähe von Ballungsgebieten oder Tourismusgebieten liegen, haben häufig nicht die Möglichkeit, im klassischen Sinne landwirtschaftlich zu wachsen und greifen eher auf alternative Strategien zurück.

f3: Und die wären?

Viktoria: Natürlich gibt es die Wachstumsstrategie noch und für viele Betriebe macht es auch Sinn, die landwirtschaftliche Produktion auszuweiten. Hinzu kommt die Aufnahme neuer Aktivitäten, die meist auf bestehenden Ressourcen und Betriebszweigen aufbauen, also die Diversifikation. Beispiele wären der Anbau besonderer Kulturen oder die Erhöhung der Wertschöpfung durch Käseherstellung und -vermarktung. Von Pluriaktivität spricht man, wenn verschiedene Aktivitäten, auch nicht-landwirtschaftliche, nebeneinander bestehen. Die sogenannte Multifunktionalität bedeutet schließlich, dass Landwirte neben der Primärproduktion auch Funktionen für Umwelt und Gesellschaft sowie für den ländlichen Raum übernehmen.

Eigene Persönlichkeit, Betriebssituation und Familie nehmen Einfluss

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Sich an neue Kulturen wagen oder lieber beim Bewährtem bleiben? Pionierarbeit leisten oder den Betrieb gar abstocken? Eine Umfrage der Uni Göttingen blickt auf Faktoren, die unternehmerische Entscheidungen von Landwirten beeinflussen.

f3 – farm. food. future: Liberalisierte Agrarmärkte, hoher Wettbewerbsdruck und veränderte gesellschaftliche Anforderungen verändern das Berufsbild des Landwirts: Wie passt dazu deine Umfrage unter Landwirten, in der du deren unternehmerische Aktivität analysierst?

Viktoria Graskemper: Vor einigen Jahrzehnten ging es in der Landwirtschaft darum, die Versorgung mit Lebensmitteln zu niedrigen Preisen sicherzustellen. Heute werden landwirtschaftliche Produktionsweisen zunehmend kritisch betrachtet. Das zwingt Landwirte dazu, sich ebenfalls kritisch mit ihrem Tun auseinander zu setzen, um im Strukturwandel bestehen zu können. Daher schaue ich, welche Entwicklungsstrategien die Betriebsleiter verfolgen und warum.

Viktoria Graskemper hat Landwirte zu ihren unternehmerischen Entscheidungen befragt. (Foto: B. Lütke Hockenbeck)

Mögliche Anpassungsstrategien

f3: Welche Anpassungsmöglichkeiten haben Landwirte denn? Gilt das „wachsen oder weichen“ noch?

Viktoria: Die Ausweitung klassischer landwirtschaftlicher Produktion bietet längst nicht mehr allen eine Zukunftsperspektive. Vor allem Betriebe, die in der Nähe von Ballungsgebieten oder Tourismusgebieten liegen, haben häufig nicht die Möglichkeit, im klassischen Sinne landwirtschaftlich zu wachsen und greifen eher auf alternative Strategien zurück.

f3: Und die wären?

Viktoria: Natürlich gibt es die Wachstumsstrategie noch und für viele Betriebe macht es auch Sinn, die landwirtschaftliche Produktion auszuweiten. Hinzu kommt die Aufnahme neuer Aktivitäten, die meist auf bestehenden Ressourcen und Betriebszweigen aufbauen, also die Diversifikation. Beispiele wären der Anbau besonderer Kulturen oder die Erhöhung der Wertschöpfung durch Käseherstellung und -vermarktung. Von Pluriaktivität spricht man, wenn verschiedene Aktivitäten, auch nicht-landwirtschaftliche, nebeneinander bestehen. Die sogenannte Multifunktionalität bedeutet schließlich, dass Landwirte neben der Primärproduktion auch Funktionen für Umwelt und Gesellschaft sowie für den ländlichen Raum übernehmen.

Eigene Persönlichkeit, Betriebssituation und Familie nehmen Einfluss

f3: Das klingt sehr wissenschaftlich. Was heißt das für deine praktische Umfrage?

Viktoria: Ich habe 807 Betriebsleiter und Hofnachfolger aus ganz Deutschland befragt, im Durchschnitt 38 Jahre alt. Ihre Flächenausstattung betrug im Schnitt knapp 320 ha, also überwiegend Haupterwerb. Ich habe sie anhand ihrer bisher gezeigten unternehmerischen Aktivität in Gruppen eingeteilt: (1) Reduktion der Betriebsfläche oder -komplexität, (2) Beibehaltung der Betriebsstrukturen des Vorgängers, (3) Ausbau bestehender Aktivitäten, (4) Diversifikation, (5) Ausbau und Diversifikation.

Das ist die große Chance, die landwirtschaftliche Betriebsleiter haben: auf Vorhandenem aufbauen zu können, um Neues zu wagen.

Viktoria Graskemper

Auffällig war, dass Landwirte häufig nicht nur eine Strategie verfolgen, sondern beispielsweise gleichzeitig Wachstum und Diversifikation gezeigt haben. Daher auch die fünfte Kategorie. Untersucht wurde dann, welchen Einfluss Faktoren aus den Bereichen „Landwirt“, „Betrieb“ und „Umfeld“ auf unternehmerische Entscheidungen haben.

f3: Welche Ergebnisse stechen besonders hervor?

Viktoria: Es fällt auf, dass die persönlichen Faktoren von hoher Bedeutung sind. Je kreativer und risikofreudiger ein Landwirt ist, desto eher neigt er zur Diversifikation.

Ein Hochschulabschluss senkt die Wahrscheinlichkeit für Wachstum. Tendenzen sind hier erkennbar hin zur Diversifikation und zur Reduktion der Betriebskomplexität. Erst hat mich das überrascht. Aber wenn man bedenkt, dass Akademiker bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und eine Beschäftigung außerhalb des Betriebs häufig dazu führt, dass Betriebe im Nebenerwerb geführt werden, macht das wieder Sinn. Auch dass ein Job außerhalb des Betriebs die Reduktion begünstigt, passt ins Bild.

f3: Welche Faktoren stechen im Hinblick auf den Betrieb hervor?

Viktoria: Betrachtet man die betrieblichen Faktoren, so sind vor allem die Betriebsgröße und die Lage entscheidend. Kleinere Betriebe betreiben mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Diversifikationsaktivitäten, vor allem in Kombination mit Wachstum.

Positiv: wenn die Familie mitzieht

Wirkt die Partnerin oder der Partner auf dem Betrieb mit, wirkt das unterstützend auf die Entwicklung. (Foto: stock.adobe.com/Countrypixel)

f3: Schauen wir zuletzt noch auf das Umfeld als Einflussfaktor. Was beeinflusst dort das unternehmerische Handeln des Landwirts?

Viktoria: Die Einstellung und Einbindung der Familie ist tatsächlich mitentscheidend. Je mehr Angehörige mitarbeiten, desto positiver wirkt sich das auf die Fortführung und -entwicklung des Betriebs aus. Vor allem die Mitwirkung des Partners zeigt unterstützende Wirkung für alle Strategien, vor allem für die duale Strategie Wachstum und Diversifikation. Da nur 10% der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland von Frauen geführt werden, sind die Partner überwiegend weiblich. Den Frauen wird in vorhergehenden Studien die Rolle zugeschrieben, verstärkt neue Denkweisen und Aktivitäten im Betrieb zu etablieren.

Die Mehrheit der befragten Betriebsleiter sieht die Zukunft schon noch in der Landwirtschaft. Das darf man beim großen Hype um das Thema neue Wege in der Landwirtschaft nicht unterschlagen.

Viktoria Graskemper

f3: Wir von f3 befassen uns viel mit neuartigen Ideen und Betriebszweigen. Wie sieht es hiermit auf den Betrieben aus? Was wird gemacht?

Viktoria: Ich habe verschiedene Aktivitäten abgefragt, die von der klassischen Landwirtschaft abweichen. Der Klassiker sind die erneuerbaren Energien, gefolgt von Lohndienstleistungen und der Vermietung von Immobilien. Als kreativere Einkommensquellen folgen dann die alternativen Vermarktungs- und Vertriebswege, wie Hofläden oder ähnliches. Ansonsten ist kein starker Trend zu erkennen, sondern eher, dass sich die Aktivitäten, die über die Landwirtschaft hinausgehen oder auf ihr aufbauen, auf verschiedenste Bereiche verteilen.

Neu und alt nebeneinander

f3: Konntest du auch etwas darüber herausfinden, warum die Landwirte diese alternativen Aktivitäten aufnehmen?

Viktoria: Das größte Anliegen scheint den Landwirten generell die Sicherung des Einkommens und der Fortbestand des Betriebs zu sein. Viele möchten auch vorhandene Ressourcen besser nutzen. Gefolgt werden diese eher substantiellen Motive von der eigenen Selbstverwirklichung. Es kann erfüllend sein, eine Geschäftsidee aus einer persönlichen Neigung heraus umzusetzen. Und das vielleicht noch in einer Marktlücke, mit der sich der Betriebsleiter identifiziert.

f3: Wagen wir zum Schluss den Blick in die Glaskugel: Worin sehen die Landwirte die Zukunft ihrer Betriebe? Eher in den klassischen oder in den alternativeren Aktivitäten?

Viktoria: Die Mehrheit der befragten Betriebsleiter sieht die Zukunft schon noch in der Landwirtschaft. Das darf man beim großen Hype um das Thema neue Wege in der Landwirtschaft nicht unterschlagen. Über die Hälfte sieht die Zukunft aber (auch) in der Diversifikation. Die hohe Anzahl der Nennungen in diesen zwei Kategorien zeigt, dass viele Landwirte diese beiden Wege zusammen sehen. So gibt es häufig kein „entweder oder“, sondern eher eine Kombination aus Alt und Neu. Und genau das ist auch die große Chance, die landwirtschaftliche Betriebsleiter haben: auf Vorhandenem aufbauen zu können, um Neues zu wagen.


Tabellen zur Umfrage

Aktivitäten der Betriebe (Mehrfachnennungen möglich)

Aktivität Nennungen %
Erneuerbare Energien 453 56
Forstwirtschaftliche Aktivitäten 130 16
Dienstleistungen im Lohn 240 30
Anbau unkonventioneller Kulturen 48 6
Haltung unkonventioneller Tierarten (z.B. Alpakas, Fische, Ziegen,…) 37 5
Übernachtungsmöglichkeiten 48 6
Freizeitangebote (z.B. Café, Sportanlagen, Geburtstage…) 44 5
Alternative Vermarktungs- und Vertriebswege (z.B. Hofladen, Onlinevermarktung, Milchtankstelle…)152 19
Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte (z.B. Käse, Mehlmühle, Fleischverarbeitung, Schnapsbrennerei,…) 65 8
Solidarische / soziale / pädagogische Aktivitäten (z.B. Solidarische Landwirtschaft, Arbeit mit Menschen mit Behinderung, Bauernhofkindergarten,…) 19 2
Vermietung von Betriebsgebäuden für nichtlandwirtschaftliche Zwecke 95 12
Vermietung von Immobilien zu Wohnzwecken 180 22
Vermietung von Flächen für nichtlandwirtschaftliche Zwecke 36 4
Keine Aktivitätsbereiche, die über klassisch landwirtschaftliche Produktionsaktivitäten hinausgehen 127 16

Zum Motiv

Motiv Mittelwert aus 1 = stimme überhaupt nicht zu bis 7 = stimme voll und ganz zu
Stabilisierung und / oder Erhöhung des Einkommens über das Jahr, weniger Abhängigkeit von ldw. Preisschwankungen 5,8
bessere Ausnutzung vorhandener Ressourcen (z.B. Maschinen, Gebäude) 5,1
eine Möglichkeit, den Betrieb aufrecht
erhalten zu können
5,0
Umsetzung einer persönlichen Neigung
als Geschäftsmöglichkeit
4,6
Ausfüllen einer identifizierten Marktlücke 4,4
Förderung des Dialogs Landwirtschaft –
Verbraucher
3,7
den Betrieb für Mitarbeiter attraktiver
gestalten
3,7
Umstrukturierung im Rahmen eines
Generationswechsels
3,7
Wunsch nach engerem Kundenkontakt 3,4
Schaffung von Arbeitsplätzen für Familienmitglieder, die auch im Betrieb
mitarbeiten möchten
3,3

Zur Interviewpartnerin

Viktoria Graskemper
Georg-August-Universität Göttingen
Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung
Arbeitsbereich Management der Agrar- und Ernährungswirtschaft, Prof. Dr. Jan-Henning Feil

in Kooperation mit Dr. Andreas Quiring, Andreas Hermes Akademie