farm future Interview

Wie ernähren wir 9 Mrd. Menschen?

Die Erträge müssen deutlich steigen. Denn es ist immer weniger Ackerfläche pro Kopf verfügbar. Illustration: Christina Helmer

In den kommenden Jahrzehnten müssen immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche satt gemacht werden. Wir sprachen mit dem Wissenschaftler Joachim von Braun über die Last der Armut, die Rolle von Technologie und den steinigen Weg zu einer nachhaltig intensiven Nahrungsmittelproduktion.

f3: Herr Prof. von Braun, wir leben in einer Zeit, in der reiche Unternehmer sich mit privaten Weltraumprojekten verwirklichen, während noch immer Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen sind. Wie passt das zusammen?

Prof. Dr. Dr. Joachim von Braun: Der Kontrast zwischen extremem Reichtum und krasser Armut ist tatsächlich unhaltbar. Auch die Hungernden selbst sind darüber inzwischen digital informiert und werden ihr Schicksal dadurch immer weniger hinnehmen. Ohne Zweifel sind die finanziellen Mittel und technologischen Möglichkeiten vorhanden, um den Hunger bis 2030 zu beenden. So fordern es auch die Weltentwicklungsziele, auf die sich alle Staatschefs verständigt haben. Es mangelt allerdings am politischen Willen zur Umsetzung.

Was sind die Hauptursachen für die Misere?

Prof. Dr. Dr. Joachim von Braun

Armut, insbesondere auf dem Lande, ist und bleibt die Hauptursache von Hunger und Unterernährung. Ländliche Armut hat viel mit der zu geringen Produktivität und den begrenzten Marktchancen der Bauern zu tun. Sie stellen die größte Zahl der Hungernden. Zudem ist die Unterbeschäftigung in Städten eine Haupt­ursache, wo Millionen von kleinen Straßenhändlern oft ohne Schulabschluss oder berufliche Bildung arbeiten. In der jüngsten Vergangenheit ist die Zahl der Hungernden vor allem durch Kriege und gewaltsame politische Konflikte wieder angestiegen (siehe Kasten auf S. 66). Die Wirtschafts- und Entwicklungspolitik muss stärker mit Diplomatie und Sicherheitspolitik verbunden werden. Außerdem braucht es massive Investitionen, um Bildung, Beschäftigung und Landwirtschaft voranzubringen.

Ohne Zweifel sind die  finanziellen Mittel und technologischen Möglichkeiten vorhanden, um den Hunger bis 2030 zu beenden.

Joachim von Braun

Welche Entwicklung erwarten Sie für die kommenden Jahrzehnte?

Die Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen gehen von 9,8 Mrd. Menschen im Jahr 2050 aus. Jetzt sind wir 7,6 Mrd. Wenn Mädchen in Entwicklungsländern mehr in Schule und Beruf integriert werden, könnte sich ein deutlich niedrigeres Bevölkerungswachstum einstellen. Aber mit ca. 9 Mrd. werden wir 2050 rechnen müssen. Der Zuwachs wird vor allem in Afrika erfolgen. Die kommenden drei Jahrzehnte stellen uns vor enorme Herausforderungen der Ernährungssicherung, die zusätzlichen Menschen gut zu ernähren und den schon vorhandenen Hunger zu überwinden. Die Ackerfläche ist kaum noch auszuweiten. Eine Ausdehnung des jetzigen Ackerbaus müsste auf schlechteren Standorten zu höheren Kosten erfolgen. Sie ginge häufig zulasten der Umwelt, etwa weil Regenwälder abgeholzt oder Grünlandflächen umgepflügt werden müssten.

Alltag an einer Essensausgabe im Südsudan. Volle Teller sind keine Selbstverständlichkeit. Foto: shutterstock / JLwarehouse

Ist eher die ungleiche Verteilung das Problem? Oder wird schlicht zu wenig Nahrung produziert?

Dies ist kein Entweder-oder. Das große Verteilungsproblem resultiert aus der Einkommensungleichheit. Die simple Kalkulation, ob es durchschnittlich für alle genug Nahrungsmittel gibt, hilft deshalb nicht weiter. Wir müssen die Produktion stärker in den Mittelpunkt rücken. Die kommenden 1,5 bis 2 Mrd. Menschen müssen ernährt werden, und dies nicht nur zu Minimalstandards. Und die heute Hungernden 0,8 Mrd. Menschen haben ein Recht auf gesunde Ernährung. Die großen Verluste vor und nach der Ernte in Entwicklungsländern müssen durch Investitionen reduziert werden und die Verschwendung von Nahrungsmitteln bei uns und in anderen Industrieländern erfordert ein verändertes Verhalten. Dies ist inzwischen erkannt und es ändert sich etwas. Lebensmittel müssen aber auch gesundheitlich sicherer werden. Insbesondere Arme kaufen oft ungesunde und verdorbene Lebensmittel, weil sie sich nichts Besseres leisten können.

Wie stark müssen die Erträge pro Jahr steigen? Und woher sollen die Zuwächse kommen?

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In den kommenden Jahrzehnten müssen immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche satt gemacht werden. Wir sprachen mit dem Wissenschaftler Joachim von Braun über die Last der Armut, die Rolle von Technologie und den steinigen Weg zu einer nachhaltig intensiven Nahrungsmittelproduktion.

f3: Herr Prof. von Braun, wir leben in einer Zeit, in der reiche Unternehmer sich mit privaten Weltraumprojekten verwirklichen, während noch immer Millionen Menschen von Hunger und Unterernährung betroffen sind. Wie passt das zusammen?

Prof. Dr. Dr. Joachim von Braun: Der Kontrast zwischen extremem Reichtum und krasser Armut ist tatsächlich unhaltbar. Auch die Hungernden selbst sind darüber inzwischen digital informiert und werden ihr Schicksal dadurch immer weniger hinnehmen. Ohne Zweifel sind die finanziellen Mittel und technologischen Möglichkeiten vorhanden, um den Hunger bis 2030 zu beenden. So fordern es auch die Weltentwicklungsziele, auf die sich alle Staatschefs verständigt haben. Es mangelt allerdings am politischen Willen zur Umsetzung.

Was sind die Hauptursachen für die Misere?

Der Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Joachim von Braun ist Direktor im Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften sowie Vizepräsident der Welthungerhilfe.

Armut, insbesondere auf dem Lande, ist und bleibt die Hauptursache von Hunger und Unterernährung. Ländliche Armut hat viel mit der zu geringen Produktivität und den begrenzten Marktchancen der Bauern zu tun. Sie stellen die größte Zahl der Hungernden. Zudem ist die Unterbeschäftigung in Städten eine Haupt­ursache, wo Millionen von kleinen Straßenhändlern oft ohne Schulabschluss oder berufliche Bildung arbeiten. In der jüngsten Vergangenheit ist die Zahl der Hungernden vor allem durch Kriege und gewaltsame politische Konflikte wieder angestiegen (siehe Kasten auf S. 66). Die Wirtschafts- und Entwicklungspolitik muss stärker mit Diplomatie und Sicherheitspolitik verbunden werden. Außerdem braucht es massive Investitionen, um Bildung, Beschäftigung und Landwirtschaft voranzubringen.

Ohne Zweifel sind die  finanziellen Mittel und technologischen Möglichkeiten vorhanden, um den Hunger bis 2030 zu beenden.

Joachim von Braun

Welche Entwicklung erwarten Sie für die kommenden Jahrzehnte?

Die Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen gehen von 9,8 Mrd. Menschen im Jahr 2050 aus. Jetzt sind wir 7,6 Mrd. Wenn Mädchen in Entwicklungsländern mehr in Schule und Beruf integriert werden, könnte sich ein deutlich niedrigeres Bevölkerungswachstum einstellen. Aber mit ca. 9 Mrd. werden wir 2050 rechnen müssen. Der Zuwachs wird vor allem in Afrika erfolgen. Die kommenden drei Jahrzehnte stellen uns vor enorme Herausforderungen der Ernährungssicherung, die zusätzlichen Menschen gut zu ernähren und den schon vorhandenen Hunger zu überwinden. Die Ackerfläche ist kaum noch auszuweiten. Eine Ausdehnung des jetzigen Ackerbaus müsste auf schlechteren Standorten zu höheren Kosten erfolgen. Sie ginge häufig zulasten der Umwelt, etwa weil Regenwälder abgeholzt oder Grünlandflächen umgepflügt werden müssten.

Alltag an einer Essensausgabe im Südsudan. Volle Teller sind keine Selbstverständlichkeit. Foto: shutterstock / JLwarehouse

Ist eher die ungleiche Verteilung das Problem? Oder wird schlicht zu wenig Nahrung produziert?

Dies ist kein Entweder-oder. Das große Verteilungsproblem resultiert aus der Einkommensungleichheit. Die simple Kalkulation, ob es durchschnittlich für alle genug Nahrungsmittel gibt, hilft deshalb nicht weiter. Wir müssen die Produktion stärker in den Mittelpunkt rücken. Die kommenden 1,5 bis 2 Mrd. Menschen müssen ernährt werden, und dies nicht nur zu Minimalstandards. Und die heute Hungernden 0,8 Mrd. Menschen haben ein Recht auf gesunde Ernährung. Die großen Verluste vor und nach der Ernte in Entwicklungsländern müssen durch Investitionen reduziert werden und die Verschwendung von Nahrungsmitteln bei uns und in anderen Industrieländern erfordert ein verändertes Verhalten. Dies ist inzwischen erkannt und es ändert sich etwas. Lebensmittel müssen aber auch gesundheitlich sicherer werden. Insbesondere Arme kaufen oft ungesunde und verdorbene Lebensmittel, weil sie sich nichts Besseres leisten können.

Wie stark müssen die Erträge pro Jahr steigen? Und woher sollen die Zuwächse kommen?

Die Erträge werden mindestens um 1,2 % pro Jahr steigen müssen, um mit der Nachfrage Schritt zu halten. Das ist machbar, aber die Pflanzenzüchtung ist gefordert. Wir werden auch flächenunabhängige Agrarproduktion, insbesondere bei Gemüse, sehen. In-Door-Farming unter LED-Licht breitet sich in urbanen Gebieten auch in Schwellenländern aus. Die Bewässerungslandwirtschaft muss wachsen, insbesondere in Afrika. Auch der Klimawandel mischt die Karten neu. Forschungen an unserem Institut ergeben weltweite Produktionseinbußen aufgrund des Klimawandels von 9 % im Jahr 2030 und 23 % im Jahr 2050. Zudem nehmen die jährlichen Ertragsschwankungen bei Weizen, Mais, Reis und Soja in den kommenden vier Jahrzehnten signifikant zu, was erhöhte Preisschwankungen und Risiken für landwirtschaftliche Investitionen bedeutet. Diese Volatilität wird die Hungerbekämpfung erschweren, erfordert mehr Flexibilität im Handel und eine bessere Risiko-Absicherung durch Lagerhaltung und Klima-smarte Landwirtschaft.

Die jährlichen Ertragsschwankungen bei Weizen, Mais, Reis und Soja nehmen in den kommenden vier Jahrzehnten signifikant zu.

Joachim von Braun

Welche Bedeutung messen Sie neuen Technologien und digitalen Prozessen bei?

Präzisions-Landwirtschaft wird die Produktion effizienter und nachhaltiger machen und damit zu einem größeren Nahrungsangebot beitragen. Der biologische Fortschritt in der Pflanzeninnovation wird ebenfalls helfen, beispielsweise bei der erforderlichen Anpassung an den Klimawandel.

Zuletzt ist die Zahl der unterernährten Erdenbürger von 777 auf 815 Mio. gestiegen. Das sind 11 % der Weltbevölkerung. Die Ursache für den jüngsten Anstieg (Daten aus 2016) sind vor allem kriegerische Konflikte, aber auch Dürren in Afrika, Nahost und
Südasien. Illustration: Christina Helmer 

Ist die Umstellung auf Biolandwirtschaft eine Alternative?

Landwirte müssen immer nachhaltig mit den Ressourcen Wasser und Boden umgehen und die Biodiversität schützen. Alle Formen der Landwirtschaft gehören unter diesen Kriterien auf den Prüfstand. Sie in zwei Schubladen zu stecken – Bio und Nicht-Bio – ist nicht zielführend.

Und ist Fleischverzicht eine realistische Lösung?

Langfristig geht es nicht so weiter mit dem weltweit wachsenden Fleischkonsum und dem sich daraus ergebenden Bedarf an Futtermitteln. Millionenbeträge fließen schon jetzt in Alternativen wie Kunstfleisch und Protein-Alternativen. Ob diese sich eines Tages durchsetzen werden, entscheiden die Verbraucher. Das Interesse an nachhaltig erzeugten Lebensmitteln steigt.

Welche Rolle spielt die Konkurrenz zwischen Tank und Teller durch die Bioenergie?

In der gegenwärtigen Weltmarktlage spielt dies keine signifikante Rolle, aber das kann sich auch wieder schnell ändern. Wenn die Nahrungsmittelpreise im Falle eines Klimaschocks plötzlich steigen, muss die Landnutzung für Bioenergie flexibel zurückgefahren werden. Fixierte Ziele für Bioenergie auf EU-Ebene sind nicht konform mit einer angemessenen Ernährungssicherung. Landwirtschaft ist inzwischen Teil der sich in interessanter Weise ausbreitenden Bioökonomie, die weit über die Energieerzeugung hinausreicht. Mehr als 50 Länder haben sich in den vergangenen zehn Jahren Bioökonomiestrategien gegeben. Landwirtschaft spielt darin eine wichtige Rolle und neue spannende Jobs können entstehen. In Zukunft wird die Landwirtschaft dadurch mehr innovative Produkte für andere Wirtschaftssektoren, wie etwa die chemische und pharmazeutische Industrie, bereitstellen.

In den kommenden Jahrzehnten müssen immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche satt gemacht werden. Foto: Pexels

Welchen Beitrag können die deutschen Landwirte leisten?

Auch in Deutschland stehen strategische Entscheidungen an. Das Bewusstsein, dass wir nicht allein auf der Welt sind, hat zugenommen, nicht zuletzt durch die Flüchtlinge, die aufgenommen werden müssen und Maßnahmen die gegen die Fluchtursachen ergriffen werden müssen. Dazu gehört die Hungerbekämpfung. Deutsche und europäische Agrarpolitik muss internationale Verantwortung übernehmen. Wir müssen insbesondere die Innovationen teilen, die bei uns erarbeitet werden. Auch mehr Tierwohl – nicht nur bei uns, sondern weltweit – gehört zu einer Landwirtschaft die respektvoll mit Leben umgeht. Die Einstellungen dazu sind weltweit allerdings sehr unterschiedlich.