food Interview

Wie sich Essen verändert

Heute sind nahezu alle Lebensmittel jederzeit verfügbar - nach Wunsch können sie bequem vom Laptop aus bestellt und nach Hause geliefert werden. (georgejmclittle/stock.adobe)

Geänderte Lebensbedingungen und ein breiteres Lebensmittelangebot verändern unsere Ernährung. Was bedeutet das? Darüber hat das Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben mit Prof. Rainer Barnekow von der Technischen Hochschule Ostwestfalen­-Lippe gesprochen.

Dieser Beitrag ist zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben (19/2019) erschienen.

Milchreis ist heute in zehn Minuten fertig, das Feierabendbier kommt aus Australien und den Wocheneinkauf liefert Amazon. Was früher undenkbar schien, gehört heute zur Lebenswirklichkeit. Längst essen wir kaum noch das, was im Garten geerntet und am heimischen Herd zubereitet wurde. Das Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben sprach mit Prof. Rainer Barnekow von der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL), Fachbereich Lebensmittelverfahrenstechnik darüber, wie sich unsere Ernährung verändert und welche Folgen das mit sich bringt.

Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben: Anders als unsere Vorfahren verbringen wir heute nur noch wenig Zeit mit der Nahrungszubereitung. Woran liegt das?

Prof. Rainer Barnekow: Die Zubereitung der Lebensmittel hat sich zunehmend von der heimischen Küche auf die industrielle Produktion verlagert. Wir konsumieren die Produkte der System-Gastronomie oder kaufen Halbfertigprodukte, die sich schnell zubereiten lassen. Das hat zum einen damit zu tun, dass es viele Single-Haushalte gibt. Zum anderen sind wir durch Beruf, Familie und sonstige Verpflichtungen vielen Belastungen ausgesetzt. Da bleibt weniger Zeit für die Nahrungszubereitung. Hinzu kommt, dass zumindest die Generation der Millennials, also die zwischen 1980 und 1999 Geborenen, kaum noch gelernt haben, Lebensmittel zuzubereiten. Ihnen fehlen oft grundlegende Kenntnisse der Rohstoffe, die für gutes Kochen notwendig sind.

Kriterien beim Einkauf

Wochenblatt: Welche Kriterien haben beim Einkauf von Lebensmitteln an Bedeutung gewonnen?

Prof. Rainer Barnekow: Convenience und Bequemlichkeit spielen heute eine große Rolle. Nahrungsmittelzubereitung muss einfach und schnell gehen. Wir haben die Möglichkeit, auf Knopfdruck zu bekommen, was wir wollen und wann wir es wollen. Ein Beispiel dafür sind die Kaffeepad-Maschinen, die jederzeit in Sekundenschnelle jede beliebige Kaffeespezialität bereitstellen. Außerdem bestimmt das Essen heute unser Image. Die Kleidung gilt nicht mehr als Statussymbol, wohl aber das Essen. Wir definieren uns über das, was wir essen.

Die Kleidung gilt nicht mehr als Statussymbol, wohl aber das Essen.

Prof. Rainer Barnekow

Jetzt f3 Mitglied werden und direkt weiterlesen

Als f3-Mitglied erhälst du täglich Meldungen, Beiträge und Reportagen zu Innovationen und Start-ups aus den "grünen" Bereichen und wirst Teil des neuen Gründer-Netzwerks.

mehr Informationen bekommst du hier

Geänderte Lebensbedingungen und ein breiteres Lebensmittelangebot verändern unsere Ernährung. Was bedeutet das? Darüber hat das Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben mit Prof. Rainer Barnekow von der Technischen Hochschule Ostwestfalen­-Lippe gesprochen.

Dieser Beitrag ist zuerst im Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben (19/2019) erschienen.

Milchreis ist heute in zehn Minuten fertig, das Feierabendbier kommt aus Australien und den Wocheneinkauf liefert Amazon. Was früher undenkbar schien, gehört heute zur Lebenswirklichkeit. Längst essen wir kaum noch das, was im Garten geerntet und am heimischen Herd zubereitet wurde. Das Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben sprach mit Prof. Rainer Barnekow von der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL), Fachbereich Lebensmittelverfahrenstechnik darüber, wie sich unsere Ernährung verändert und welche Folgen das mit sich bringt.

Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben: Anders als unsere Vorfahren verbringen wir heute nur noch wenig Zeit mit der Nahrungszubereitung. Woran liegt das?

Prof. Rainer Barnekow: Die Zubereitung der Lebensmittel hat sich zunehmend von der heimischen Küche auf die industrielle Produktion verlagert. Wir konsumieren die Produkte der System-Gastronomie oder kaufen Halbfertigprodukte, die sich schnell zubereiten lassen. Das hat zum einen damit zu tun, dass es viele Single-Haushalte gibt. Zum anderen sind wir durch Beruf, Familie und sonstige Verpflichtungen vielen Belastungen ausgesetzt. Da bleibt weniger Zeit für die Nahrungszubereitung. Hinzu kommt, dass zumindest die Generation der Millennials, also die zwischen 1980 und 1999 Geborenen, kaum noch gelernt haben, Lebensmittel zuzubereiten. Ihnen fehlen oft grundlegende Kenntnisse der Rohstoffe, die für gutes Kochen notwendig sind.

Kriterien beim Einkauf

Wochenblatt: Welche Kriterien haben beim Einkauf von Lebensmitteln an Bedeutung gewonnen?

Prof. Rainer Barnekow: Convenience und Bequemlichkeit spielen heute eine große Rolle. Nahrungsmittelzubereitung muss einfach und schnell gehen. Wir haben die Möglichkeit, auf Knopfdruck zu bekommen, was wir wollen und wann wir es wollen. Ein Beispiel dafür sind die Kaffeepad-Maschinen, die jederzeit in Sekundenschnelle jede beliebige Kaffeespezialität bereitstellen. Außerdem bestimmt das Essen heute unser Image. Die Kleidung gilt nicht mehr als Statussymbol, wohl aber das Essen. Wir definieren uns über das, was wir essen.

Die Kleidung gilt nicht mehr als Statussymbol, wohl aber das Essen.

Prof. Rainer Barnekow

Wochenblatt: Welche Bedeutung hat die Lebensmittelverarbeitung heute im Vergleich zu früher?

Prof. Rainer Barnekow: Früher war Lebensmittelverarbeitung überlebenswichtig. Unsere Vorfahren haben eingekocht, fermentiert, gepökelt und gedörrt, um Lebensmittel haltbar zu machen. Damit haben sie den saisonalen und regionalen Mangel ausgeglichen. Heute werden Lebensmittel verarbeitet, um den Wert zu steigern. Zum Beispiel lässt sich der Wert von Zucker enorm erhöhen, wenn daraus süße Dekorblüten gefertigt werden.

Online-Handel von Lebensmitteln

Wochenblatt: Inzwischen gibt es zumindest in den Großstädten globale Internet-Dienste wie Amazon Fresh, die Lebensmittel liefern. Welchen Einfluss hat das auf unser Ernährungsverhalten?

Prof. Rainer Barnekow: Solche Lieferdienste zeigen uns, dass jederzeit alles verfügbar ist. Der nächste Schritt wird sein, dass der Kühlschrank selbstständig einkauft. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine große Rolle. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass der Kühlschrank vor einem Fußball-Länderspiel selbstständig mehr Bier und Tiefkühlpizza ordert. Diese Entwicklung muss nicht schlecht sein.

Fortschritte wie diese haben unsere Lebensqualität in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Heute haben wir die Möglichkeit, Lebensmittel aus der ganzen Welt zu beziehen. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass die in Deutschland gefertigten Nahrungsmittel eine sehr hohe Qualität haben. Verbraucher neigen jedoch dazu, dass alles möglichst billig sein soll. Hier ist Information gefragt.

Der nächste Schritt wird sein, dass der Kühlschrank selbstständig einkauft.

Prof. Rainer Barnekow

Wochenblatt: Was haben Internet-Anbieter davon, jetzt auch Lebensmittel zu verkaufen?

Prof. Rainer Barnekow: Denen ist es egal, was sie verkaufen, hauptsache die Rendite stimmt. Wenn wir bei solchen Anbietern kaufen, müssen wir wissen, dass wir die Ware doppelt bezahlen. Zum einen zahlen wir den monetären Preis. Zum anderen zahlen wir mit unseren Daten, und das ist für die Anbieter oft viel wichtiger. Nach einem Jahr weiß ein solcher Anbieter, was ich mag, wie ich mich ernähre und wie ich lebe. Durch die Informationen über mein Ernährungsverhalten kann er auf meine Lebenserwartung schließen. Solche Daten sind Gold wert, zum Beispiel für Versicherungen oder potenzielle Arbeitgeber.

Häufig ist der jüngeren Generation nicht bewusst, zu welcher Saison welche Lebensmittel typisch sind, so Prof. Rainer Barnekow. (Foto: pexels/ Artem Beliaikin)

Wochenblatt: Wie können sich die Anbieter vor Ort gegen die globalen Unternehmen behaupten?

Prof. Rainer Barnekow: Durch den regionalen Vertrieb von Produkten. Dabei sind alle Beteiligten Gewinner. Der Verbraucher profitiert von der guten Qualität und der Sicherheit der Produkte. Der Erzeuger erzielt einen höheren Gewinn, weil es nicht so viele Zwischenhändler gibt. Und die Umwelt gewinnt ebenfalls, wenn Lebensmittel nicht um die halbe Welt transportiert werden. Regionalität ist ein sehr aktueller Trend. Große Märkte wie Aldi, Rewe oder Edeka bieten verstärkt regionale Produkte an.

Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Auch dabei kann das Internet als regionaler Vertriebskanal hilfreich sein. Es gab noch nie so viele Vertriebsmöglichkeiten wie heute. Sehr erfolgreich ist zum Beispiel der „Wurstomat“. Hier kann der Kunde Grillfleisch vom regionalen Anbieter rund um die Uhr aus einem Automaten bekommen. Das ist für den Kunden bequem und spart dem Anbieter Personalkosten.

Saisonalität gerät in Vergessenheit

Wochenblatt: Welche Rolle spielt Saisonalität heute noch?

Prof. Rainer Barnekow: Zumindest bei der Generation der Millennials ist das Wissen um die saisonale Verfügbarkeit von Lebensmitteln kaum noch vorhanden. Sie erwarten Erdbeeren zu Weihnachten. Hier sind die regionalen Anbieter gefragt, die mit ihrem Angebot zeigen, wie vielfältig jede Saison ist. Auch die Gastronomen sollten sich wieder auf das besinnen, was der regionale Markt hergibt, und ihre Speisekarte der Saison entsprechend anpassen.

Sie erwarten Erdbeeren zu Weihnachten.

Prof. Rainer Barnekow

Wochenblatt: Was muss sich ändern, damit Verbraucher, vor allem aber die Kinder wieder lernen, den Wert von Lebensmitteln beurteilen zu können und wertzuschätzen?

Prof. Rainer Barnekow: Aufklärung ist das Wichtigste. Wir brauchen den mündigen, selbstbewussten und kritischen Konsumenten. Er muss in der Lage sein zu entscheiden, woher seine Lebensmittel kommen sollen. Dann kommt er vielleicht zu dem Schluss, dass sein Bier nicht aus Australien importiert werden muss. Wir brauchen zwar den globalen Handel. Wir müssen aber wieder lernen, Maß zu halten. Kinder sollten in der Schule lernen, wie Lebensmittel entstehen und wo sie herkommen. Genauso wichtig ist es aber, dass die Eltern Vorbild sind. Wenn sie nicht selbst kochen, können die Kinder es auch nicht lernen.