farm future Story

„Wir müssen Systemgrenzen überwinden“ – Teil 2

Teil 2 des Interview mit Prof. Matin Qaim. Diesmal: Wie können wir Ökolandbau und konventionelle Landwirtschaft klug kombinieren? (Illustration: Christina Helmer)

Nur ein intelligenter Mix aus konventioneller Landwirtschaft und Ökolandbau kann aus Sicht von Prof. Matin Qaim, Agrarökonom aus Göttingen, die weltweit immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche satt machen. Ein Gespräch über Denkverbote und Big Data.

f3: Sie plädieren für einen intelligenten Mix aus Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft. Was meinen Sie damit?

Prof. Matin Qaim

Prof. Matin Qaim: Konventionelle Systeme mit engen Fruchtfolgen und hohem Einsatz an chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln verursachen erhebliche Umwelt- und Klimaprobleme. Der Ökolandbau verwendet weitere Fruchtfolgen und erreicht eine höhere organische Bodensubstanz. Zudem werden im Ökolandbau mehr naturnahe Landschaftselemente eingesetzt, was hilft, Biodiversität in der Agrarlandschaft zu erhalten. Das sind Maßnahmen, von denen die konventionelle Landwirtschaft lernen kann. Allerdings verbietet der Ökolandbau chemische Düngemittel komplett und schließt auch den Einsatz neuer Züchtungstechnologien aus. Das macht wissenschaftlich wenig Sinn. Moderate Düngemittelgaben und robustere Sorten können die Produktivität erheblich steigern und damit knappe Ressourcen schonen. Deswegen müssen für die Entwicklung nachhaltiger Formen der Landwirtschaft klassische Systemgrenzen überwunden und unterschiedliche Methoden sinnvoll miteinander kombiniert werden.

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Nur ein intelligenter Mix aus konventioneller Landwirtschaft und Ökolandbau kann aus Sicht von Prof. Matin Qaim, Agrarökonom aus Göttingen, die weltweit immer mehr Menschen auf immer weniger Fläche satt machen. Ein Gespräch über Denkverbote und Big Data.

f3: Sie plädieren für einen intelligenten Mix aus Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft. Was meinen Sie damit?

Prof. Matin Qaim

Prof. Matin Qaim: Konventionelle Systeme mit engen Fruchtfolgen und hohem Einsatz an chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln verursachen erhebliche Umwelt- und Klimaprobleme. Der Ökolandbau verwendet weitere Fruchtfolgen und erreicht eine höhere organische Bodensubstanz. Zudem werden im Ökolandbau mehr naturnahe Landschaftselemente eingesetzt, was hilft, Biodiversität in der Agrarlandschaft zu erhalten. Das sind Maßnahmen, von denen die konventionelle Landwirtschaft lernen kann. Allerdings verbietet der Ökolandbau chemische Düngemittel komplett und schließt auch den Einsatz neuer Züchtungstechnologien aus. Das macht wissenschaftlich wenig Sinn. Moderate Düngemittelgaben und robustere Sorten können die Produktivität erheblich steigern und damit knappe Ressourcen schonen. Deswegen müssen für die Entwicklung nachhaltiger Formen der Landwirtschaft klassische Systemgrenzen überwunden und unterschiedliche Methoden sinnvoll miteinander kombiniert werden.

Verteufelung der konventionellen Landwirtschaft

f3: In der Forschung und insbesondere in der Praxis verlaufen mitunter tiefe Gräben zwischen „Ökos“ und „Konventionellen“. Sehen Sie Ansätze, dass die Vorbehalte überwunden werden?

Prof. Matin Qaim: Die Ökoverbände profitieren von einer Verteufelung der konventionellen Landwirtschaft, weil sich mit diesem Extrembild Geld machen lässt. Den Ökolandbau als globale Lösung darzustellen, finde ich problematisch. Ich habe nichts gegen den Ökolandbau als Nischenmarkt, aber eine großflächige Umstellung auf Öko wäre wegen der geringeren Erträge eben nicht automatisch nachhaltiger. Insofern brauchen wir eine sachlichere Diskussion der Vorteile und der Nachteile ökologischer und konventioneller Systeme. Das erfordert Zugeständnisse auf beiden Seiten.

Für die Entwicklung nachhaltiger Formen der Landwirtschaft müssen klassische Systemgrenzen überwunden und unterschiedliche Methoden sinnvoll miteinander kombiniert werden.

Prof. Matin Qaim

f3: Welche Rolle spielen globale Konzerne wie Bayer/Monsanto und Dupont Pioneer bei der Bekämpfung des Welthungers?

Prof. Matin Qaim: Globale Konzerne spielen eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Technologien für einige große Kulturarten, wie Mais, Soja, Zuckerrüben und Baumwolle. Für viele andere Kulturarten ist die Rolle bisher begrenzt. Wir brauchen aber insgesamt eine größere Vielfalt auf dem Acker, sodass wir uns nicht auf globale Konzerne allein verlassen sollten. Auch die Entwicklung und Verbesserung von standörtlich angepassten ackerbaulichen Systemansätzen liegt nicht unbedingt im Fokus globaler Konzerne. Agrarforschung braucht ein gutes Zusammenspiel von privater und öffentlicher Forschung sowie von globalen und lokalen Organisationen im Innovationssystem.

„Die Erträge um 50 % zu steigern, ist nicht komplett unrealistisch“

f3: In welchen Bereichen erwarten Sie die zentralen Fortschritte bei der Nahrungsmittelproduktion?

Prof. Matin Qaim: Die größten technologischen Sprünge sind in den Bereichen neue Züchtungsmethoden und digitale Technologien des Precision Farming zu erwarten. Aber diese Technologien sollten nicht als isolierte Lösungsansätze verstanden werden. Es geht um die Entwicklung produktiver und nachhaltiger Systeme, wo diese Technologien neben anderen eine wichtige Rolle spielen können und müssen.

f3: Werden landwirtschaftliche Betriebe in 30 Jahren noch an die heutigen erinnern?

Prof. Matin Qaim: Genauso wie es heute sehr unterschiedliche Betriebe gibt, wird es sicher in 30 Jahren auch eine Spannbreite an Betriebstypen geben. In vielen Betrieben werden schrittweise Robotik und Big Data Einzug halten, was den Charakter der Landwirtschaft verändern wird. Das Gute ist, dass diese Innovationen – anders als viele technische Neuerungen der Vergangenheit – auch gut auf kleineren Schlägen funktionieren. Also nicht Pauschallösungen für große Felder, sondern punktuelle Anpassung, was sich positiv auf Umwelt und Biodiversität auswirken wird. Wie genau die Landwirtschaft im Jahr 2050 aussehen wird, ist nicht nur eine Frage der technischen Möglichkeiten, sondern auch der gesellschaftlichen Präferenzen.

Das Gute ist, dass diese Innovationen auch gut auf kleineren Schlägen funktionieren.

Prof. Matin Qaim

f3: Wie belastbar sind Prognosen zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung und den möglichen Ertragssteigerungen eigentlich? Mischt der Klimawandel ohnehin die Karten neu?

Prof. Matin Qaim: Die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung innerhalb der kommenden Jahrzehnte halte ich für recht valide. Im Jahr 2050 werden mit großer Wahrscheinlichkeit mehr als 9 Mrd. Menschen auf unserem Planeten leben. Sehr langfristige Prognosen sind allerdings unsicherer. Vermutlich wird jenseits von 2050 die Weltbevölkerung nur noch langsam anwachsen und vielleicht Ende des Jahrhunderts bei etwa 10 Mrd. Menschen stagnieren. Wie die Ertragssteigerungen aussehen werden, hängt stark davon ab, welche Art von Techniken wir entwickeln und umsetzen. Der Klimawandel wird die Landwirtschaft beeinflussen, allerdings regional sehr unterschiedlich. Die meisten Klima­modelle gehen davon aus, dass Europa weniger leiden wird als tropische und subtropische Regionen in Afrika und Asien, wo größere Hitze und häufigere Wetter­extreme sich deutlich negativ auf die Erträge auswirken könnten. Leider sind Afrika und Asien ohnehin die Regionen, wo die meisten armen und hungernden Menschen leben. Deswegen ist klima­angepasste Innovation in diesen Regionen besonders wichtig.

Umweltfreundliche Produktionssteigerung

f3: Was bedeuten diese Prognosen für die Landwirtschaft in Deutschland?

Prof. Matin Qaim: In jedem Fall wird die Wichtigkeit des Agrarhandels weiter zunehmen. Wir leben hier in einer Region mit besonders günstigen natürlichen Bedingungen für die Landwirtschaft. Das bringt auch internationale Verantwortung mit sich, zur Weltversorgung beizutragen. Wir können uns nicht abschotten und großflächig auf Ökolandwirtschaft umstellen. Vielmehr werden wir noch stärker auf nachhaltige Produktivitätssteigerungen setzen müssen.

f3: Halten Sie ein Umdenken für erforderlich?

Prof. Matin Qaim: Ja, die Herausforderungen für global nachhaltige Entwicklung erfordern ein Umdenken, und zwar auch bei uns. Die Landwirtschaft muss umwelt- und klimafreundlicher werden, aber zugleich auch produktiver. Dieser scheinbare Zielkonflikt kann nur durch neue, intelligente Technologien aufgelöst werden. Aber in der Gesellschaft werden neue Agrartechnologien eher als Problem, anstatt als Teil der Lösung betrachtet. Die Gentechnik ist z. B. in Europa wegen öffentlicher Akzeptanzprobleme fast komplett verbannt worden, obwohl sie große Potenziale für umweltfreundliche Produktivitätssteigerung mit weniger Chemie bietet. Unsere Gesellschaft muss wieder offener für neue Agrartechnologien werden. Gesellschaftliches Umdenken brauchen wir aber auch im Konsum, bezogen auf Ernährung, aber auch weit darüber hinaus. Viele Menschen haben heute kaum noch ein Bewusstsein dafür, wie ihr Konsumverhalten an den Verbrauch knapper Ressourcen gekoppelt ist. Dieses Bewusstsein muss wieder gestärkt werden, was letztlich eine Frage der Erziehung und Ausbildung ist.


Teil 1: Interview Matin Qaim

„Die Erträge um 50 % zu steigern, ist nicht komplett unrealistisch“

Im ersten Teil unseres Interviews erfahrt Ihr, warum der Konsumstil der wohlhabenden Länder nicht auf die Welt übertragbar ist. Und: Warum dieses Argument nicht gegen die Notwendigkeit von deutlichen Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft ausgespielt werden sollte.