farm Story

Wo sich die Früchte der Arbeit fast wie von selbst ernten

Die Obstraupe kann von der Haselnuss bis zum Apfel alles, was auf dem Boden liegt, aufsammeln. (Foto: Patrick Tafner )

Ob für eine Nuss oder einen Apfel - sich für Streuobst bücken macht den wenigsten Menschen Spaß. Obstbauern können davon ein Lied singen. Die "Obstraupe" aus Österreich schafft Abhilfe. Über eine wohltuend analoge Innovation mitten im digitalen Zeitalter.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in top agrar Österreich.

Was wird denn da über die Wiese unter den Apfelbäumen hergeschoben? Ein Rasenmäher ist es nicht. Hinter dem Gerät steht das Gras schließlich noch. Durch einen Elektromotor ist es auch viel leiser und wesentlich leichter. Obstbauer Karl Posch muss bei der "Obstraupe" des österreichischen Start-ups "Organic Tools GmbH" schon zweimal hinschauen. Wie das Gerät die Äpfel vom Boden aufsammelt und sie in einer Kiste verstaut, begeistert den Obstbauern aus Neunkirchen in Niederösterreich jedenfalls sofort.

Aus wirtschaftlicher Sicht musste er keine Sekunde nachdenken, sich die Obstraupe für 1800€ zu kaufen. „Es fehlen schon lange Personen, die bei der Ernte helfen“, erklärt der Bio-Bauer, der im eigenen Hoflokal Wein, Most und Schnaps ausschenkt. Besonders arbeitsintensiv ist dabei das Einsammeln der Äpfel im Streuobst. Mit der Obstraupe schafft er aber auch diese Fläche mit insgesamt 500 Bäumen ohne große Anstrengung und mit wenig Personaleinsatz.

Die Gründer von "Organic Tools" haben die Obstraupe entwickelt. Bei Obstbauer Karl Posch (rechts) ist sie im Einsatz. (Fotos: Beate Kraml)

Zum Erhalt von Streuobst

Genau das war auch das Ziel der Erfinder der Obstraupe, David Brunmayr und Lukas Griesbacher. Sie wollten die Obsternte erleichtern. Und zwar nicht nur für Obstbauern wie Posch, sondern auch für Personen, die nur wenige Obstbäume besitzen. „Nur etwa ein Drittel des Streuobstes in Österreich wird geerntet. Alles andere bleibt liegen. Viele entscheiden sich daher, die Bäume zu fällen, da die Früchte sonst nur verfaulen. Mit unserer Erfindung wollen wir einen Beitrag leisten, um die Kulturlandschaft Streuobstwiese auch in Zukunft zu erhalten“, erzählt David Brunmayr.

Zusammen mit seinem Studienkollegen Lukas Griesbacher hat er lange getüftelt, um ein Gerät zu entwickeln, dass eine hohe Arbeitsleistung hat, umweltschonend und noch dazu kostengünstig ist. Da Brunmayr sich als Obstbauberater vor allem mit der Obsternte beschäftigte und Griesbacher lediglich die Grundausbildung an einer höheren technischen Lehranstalt (HTL) absolvierte, suchten sie Rat bei zahlreichen Technikern. Diese entwarfen aber immer kompliziertere Lösungen. Die beiden Gründer wollten aber ein leichtes und kostengünstiges Gerät entwickeln.

Jetzt f3 Mitglied werden und direkt weiterlesen

Als f3-Mitglied erhälst du täglich Meldungen, Beiträge und Reportagen zu Innovationen und Start-ups aus den "grünen" Bereichen und wirst Teil des neuen Gründer-Netzwerks.

mehr Informationen bekommst du hier

Ob für eine Nuss oder einen Apfel – sich für Streuobst bücken macht den wenigsten Menschen Spaß. Obstbauern können davon ein Lied singen. Die „Obstraupe“ aus Österreich schafft Abhilfe. Über eine wohltuend analoge Innovation mitten im digitalen Zeitalter.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in top agrar Österreich.

Was wird denn da über die Wiese unter den Apfelbäumen hergeschoben? Ein Rasenmäher ist es nicht. Hinter dem Gerät steht das Gras schließlich noch. Durch einen Elektromotor ist es auch viel leiser und wesentlich leichter. Obstbauer Karl Posch muss bei der „Obstraupe“ des österreichischen Start-ups „Organic Tools GmbH“ schon zweimal hinschauen. Wie das Gerät die Äpfel vom Boden aufsammelt und sie in einer Kiste verstaut, begeistert den Obstbauern aus Neunkirchen in Niederösterreich jedenfalls sofort.

Aus wirtschaftlicher Sicht musste er keine Sekunde nachdenken, sich die Obstraupe für 1800€ zu kaufen. „Es fehlen schon lange Personen, die bei der Ernte helfen“, erklärt der Bio-Bauer, der im eigenen Hoflokal Wein, Most und Schnaps ausschenkt. Besonders arbeitsintensiv ist dabei das Einsammeln der Äpfel im Streuobst. Mit der Obstraupe schafft er aber auch diese Fläche mit insgesamt 500 Bäumen ohne große Anstrengung und mit wenig Personaleinsatz.

Zum Erhalt von Streuobst

Die Gründer von „Organic Tools“ haben die Obstraupe entwickelt. Bei Obstbauer Karl Posch (rechts) ist sie im Einsatz. (Fotos: Beate Kraml)

Genau das war auch das Ziel der Erfinder der Obstraupe, David Brunmayr und Lukas Griesbacher. Sie wollten die Obsternte erleichtern. Und zwar nicht nur für Obstbauern wie Posch, sondern auch für Personen, die nur wenige Obstbäume besitzen. „Nur etwa ein Drittel des Streuobstes in Österreich wird geerntet. Alles andere bleibt liegen. Viele entscheiden sich daher, die Bäume zu fällen, da die Früchte sonst nur verfaulen. Mit unserer Erfindung wollen wir einen Beitrag leisten, um die Kulturlandschaft Streuobstwiese auch in Zukunft zu erhalten“, erzählt David Brunmayr.

Zusammen mit seinem Studienkollegen Lukas Griesbacher hat er lange getüftelt, um ein Gerät zu entwickeln, dass eine hohe Arbeitsleistung hat, umweltschonend und noch dazu kostengünstig ist. Da Brunmayr sich als Obstbauberater vor allem mit der Obsternte beschäftigte und Griesbacher lediglich die Grundausbildung an einer höheren technischen Lehranstalt (HTL) absolvierte, suchten sie Rat bei zahlreichen Technikern. Diese entwarfen aber immer kompliziertere Lösungen. Die beiden Gründer wollten aber ein leichtes und kostengünstiges Gerät entwickeln.

Erste Raupe aus Waschmaschinen-Trommel

Schließlich erhielten sie Unterstützung von Franz Praher, einem technisch begabten Schlosser. Da er viel im Bereich technischer Entwicklung gemacht hat, erarbeitete er eine Lösung, die für verschiedene Früchte und Bodenverhältnisse geeignet ist. Dabei wurde er wirklich kreativ: Der erste Prototyp bestand aus einer Waschmaschinen-Trommel aus seiner Werkstatt und einem alten Rollstuhl. Als Motor diente ein Akkuschrauber, den er in die Raupe einbaute.

Der erste Prototyp der Obstraupe bestand aus einer Waschmaschinen-Trommel. Als Motor diente ein Akkuschrauber.

Auszug

Mit diesem Prototyp konnte er zeigen, dass der Plan des Start-ups technisch machbar ist. Darauf folgten weitere Prototypen mit verschiedenen Materialen, Walzenrädern, usw. Erst Monate später kam die erste Serie der Obstraupe „Black Beast“ auf dem Markt. 2017 erhielt das Team das Patent auf die Obstraupe. 2018 gründeten Griesbacher, Brunmayr und Praher schließlich die GmbH. Nach der ersten Saison 2018 übernahm der Maschinenbauer Stefan Bermadinger die technische Leitung und den Unternehmensanteil von Franz Praher.

E-Bike-Motor nutzen

Die Weiterentwicklung zur zweiten Serie, dem „Silver Fox“, wurde mit einer Konstruktionsfirma durchgeführt, die auch die Endmontage übernimmt. Die neuen Obstraupen bestehen aus einem E-Motor, der mit einem E-Bike-Akku betrieben wird, einer 60 cm breiten Sammelwalze und einer Ablage für Kisten. Das Gerät wiegt inklusive Akku 34 kg. Über Lamellen und einem geschlitzten Rost werden die Früchte aufgesammelt. Und das schonend: „Ein Obstigel zum Beispiel beschädigt das Obst durch die Stacheln. Es muss dann sofort verarbeitet werden, um die Qualität zu erhalten“, erklärt Brunmayr. Die Einzelteile der Obstraupe werden zu 90 % von Partnerfirmen in Österreich gefertigt. Kurze Transportwege stand für die Gründer an vorderer Stelle.

Äpfel, Marillen und Nüsse

Details der Obstraupe: mit Kiste und schräg stehenden Rädern. (Fotos: Kraml)

Ob Äpfel, Birnen, Aprikosen oder Schalenobst wie Hasel- und Walnüsse oder Edelkastanien: Geerntet werden können alle Obstarten. Nach Angaben der Gründer bleiben Äpfel und Birnen durch die schonende Aufnahme intakt und können noch einige Tage bis zur Weiterverarbeitung gelagert werden. „Uns hat selber überrascht, wie mit der Obstraupe sogar weiche Marillen aufgesammelt werden können, ohne, dass sie matschig werden“, sagt David Brunmayr.

Mit einer Raupe können Obstbaumbesitzer bis zu 1000 kg Äpfel in der Stunde ernten.

David Brunmayr

Die Obstraupe ist einfach zu bedienen. Sowohl Kinder als auch Senioren können damit fahren. Das Gerät kann vorwärts und rückwärts gelenkt werden. Die schräg angewinkelten Räder dienen dazu, dass keine Früchte durch Überrollen beschädigt werden. Unebenheiten am Boden oder hohes Gras sind kein Problem. Die Gründer von Organic Tools empfehlen aber eine Graslänge bis zu 15 cm. Die Sammelwalze befördert auch dann weiterhin die Früchte in die Kiste.

Dabei erreicht die Obstraupe eine hohe Ernteleistung: „Mit einer Raupe können Obstbaumbesitzer bis zu 1000 kg Äpfel in der Stunde ernten“, erzählt Brunmayr. Fünf Stunden hält dabei der Akku bei voller Laufzeit. „So lange ernten aber nur die wenigsten am Stück“, erklärt er weiter.

Gleich am Feld sortieren

Auf dem Sortiertisch fällt Unerwünschtes gleich „unten durch“. (Foto: Kraml)

Sobald eine in der Obstraupe integrierte Kiste voll ist, kann diese mit einem leichten Kippen des Gerätes auf dem Boden abgestellt werden. Dann muss der Fahrer nur eine neue Kiste einlegen und weiterernten.

Doch die Ernte ist nicht alles. Für viele Obstbauern ist es praktisch, das Obst schon am Feld auszusortieren. Daher bietet das Organic Tools Team seit diesem Jahr einen Sortiertisch an. Während einer erntet, kann ein Helfer die Kisten einsammeln und die Äpfel oder anderes Obst am Sortiertisch aussortieren. Der Tisch kann auf die passende Höhe eingestellt werden. Durch die Gitter fallen Gras, Blätter und kleine Früchte durch. Faules Obst wird direkt am Feld aussortiert.

Potenzial noch nicht ausgeschöpft

Insgesamt kostet eine Obstraupe 1800 € brutto. Der dazugehörige Sortiertisch kommt auf 600€ brutto. Raupe ist bereits in Österreich, Deutschland, der Schweiz und sogar in England im Einsatz. Dort ist vor allem die Cider-Produktion eine lukrative Einnahmequelle für Obstbauern. Auf der Einnahmenseite stehen für das Jahr 2018 somit bereits 140.000 €. Im Jahr 2019 soll sich der Umsatz verdoppeln. Und da könnte noch nicht Schluss sein. Denn auch für Zitrusfrüchte und Oliven soll sich die Obstraupe eignen. „Auch andere Materialien wie Müll könnten aufgesammelt werden“, ergänzt Griesbacher. Die Gründer sind sich sicher, dass die Obstraupe noch viel Potenzial hat. Nicht schlecht für ein Start-up, das sich in digitalen Zeiten ganz auf analoge Werte besinnt.


­­Finanzierung

In den vergangenen drei Jahren investierten die Gründer ca. 250.000€ in die Entwicklung und die Produktion der Obstraupe. Ihre Arbeitszeit ist nicht eingerechnet. Finanziert haben sie die Entwicklung großteils durch Preisgelder bei Wettbewerben und Förderungen. Die größte Summe von 80.000 € kam dabei von der Wirtschaftsagentur Wien als Förderung für die Entwicklung der Prototypen und den Markteintritt im Jahr 2018. Sie erhielten auch 15.000 € Preisgeld beim Start-up-Wettbewerb „innovate4nature“, den das Lebensministerium und der WWF 2016 veranstalteten. Zudem vergaben der Nationalpark Kalkalpen und die Familienstiftung Scheuch ihnen für den Sieg des Startup-Wettbewerbs „Vielfalter“ 8.000 €.