farm food Story

Wurst vom Lausbuben

Harm Böckmann vertreibt unter der Marke "Supermeatboy" Salamiwürste der besonderen Art. (Foto: Drießen)

Der „Supermeatboy“ Harm Böckmann vermarktet Salamiwürste der besonderen Art. Mit mehr Tierwohl und Transparenz bricht er mit den Regeln der Fleischwirtschaft. Da muss die Ware nicht mal „Bio“ sein. 

Wenn Harm Böckmann in seiner Firmenzentrale in Vechta, Niedersachsen, den Kaffee brüht, flackert die Raumbeleuchtung. Das Büro und Lager des 29-Jährigen befinden sich auf der ehemaligen Hofstelle seines Großvaters. Der Jungunternehmer hat den alten Mauern Anfang 2016 nach Jahren des Leerstandes neues Leben eingehaucht und organisiert vom ehemaligen Wohnzimmer aus sein Start-up-Unternehmen „Supermeatboy“. An Baustellen mangelt es vor lauter Gründergeist im Oldenburger Münsterland nicht. Da muss die alte Elektrik halt noch etwas warten.

In der alten Hofstelle des Großvaters hat Harm Böckmann seine Start-up-Zentrale eingerichtet. (Foto: Drießen)

Es geht um die Wurst

Schließlich haben es die Pläne des selbst ernannten Supermeatboys in sich. Harm Böckmann will nicht nur gute Würste an den Kunden bringen. Er bricht mit so ziemlich allen Konventionen der deutschen Fleischvermarktung. „Die Fleisch­industrie hat versäumt, mit den Verbrauchern zu sprechen“, ist der Jungunternehmer überzeugt und hört dabei nicht nur auf ein Bauchgefühl. Er hat sich im Rahmen seiner Masterarbeit an der Uni Berlin intensiv mit der Einstellung von Verbrauchern zu Schweinefleischprodukten auseinandergesetzt und kam zu niederschmetternden Ergebnissen: schwindendes Vertrauen in die Branche, zu wenig Kommunikation, zu wenig Transparenz.

Gleichzeitig wunderte den Niedersachsen kaum, dass das vermeintlich gefragtere Bio-Fleisch dennoch ein Nischendasein fristete (Marktanteil unter 1 %), weil die Preise deutlich über denen von konventionellen Produkten liegen.

Keine Museumslandwirtschaft

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Der „Supermeatboy“ Harm Böckmann vermarktet Salamiwürste der besonderen Art. Mit mehr Tierwohl und Transparenz bricht er mit den Regeln der Fleischwirtschaft. Da muss die Ware nicht mal „Bio“ sein. 

Wenn Harm Böckmann in seiner Firmenzentrale in Vechta, Niedersachsen, den Kaffee brüht, flackert die Raumbeleuchtung. Das Büro und Lager des 29-Jährigen befinden sich auf der ehemaligen Hofstelle seines Großvaters. Der Jungunternehmer hat den alten Mauern Anfang 2016 nach Jahren des Leerstandes neues Leben eingehaucht und organisiert vom ehemaligen Wohnzimmer aus sein Start-up-Unternehmen „Supermeatboy“. An Baustellen mangelt es vor lauter Gründergeist im Oldenburger Münsterland nicht. Da muss die alte Elektrik halt noch etwas warten.

In der alten Hofstelle des Großvaters hat Harm Böckmann seine Start-up-Zentrale eingerichtet. (Foto: Drießen)

Es geht um die Wurst

Schließlich haben es die Pläne des selbst ernannten Supermeatboys in sich. Harm Böckmann will nicht nur gute Würste an den Kunden bringen. Er bricht mit so ziemlich allen Konventionen der deutschen Fleischvermarktung. „Die Fleisch­industrie hat versäumt, mit den Verbrauchern zu sprechen“, ist der Jungunternehmer überzeugt und hört dabei nicht nur auf ein Bauchgefühl. Er hat sich im Rahmen seiner Masterarbeit an der Uni Berlin intensiv mit der Einstellung von Verbrauchern zu Schweinefleischprodukten auseinandergesetzt und kam zu niederschmetternden Ergebnissen: schwindendes Vertrauen in die Branche, zu wenig Kommunikation, zu wenig Transparenz.

Gleichzeitig wunderte den Niedersachsen kaum, dass das vermeintlich gefragtere Bio-Fleisch dennoch ein Nischendasein fristete (Marktanteil unter 1 %), weil die Preise deutlich über denen von konventionellen Produkten liegen.

Keine Museumslandwirtschaft

Nun möchte Harm den Beweis antreten, dass es auch anders geht und dass ein Teil der Verbraucher sehr wohl bereit ist, höhere Preise für höhere Standards zu bezahlen – sofern sich die Mehrkosten in Grenzen halten.

Er machte sich auf die Suche nach Ideen und Partnern. Zusammen mit einer Werbeagentur entwickelte er ein modernes Konzept, das statt mit einem Gutshof oder der sonst bewährten „Museumslandwirtschaft“ mit einem frechen Lausbuben wirbt und Slogans wie diesen liefert: „Fleisch ist Gottes Entschuldigung für Salat.“

Fleisch ist Gottes Entschuldigung für Salat.

Werbespruch Supermeatboy

Heute, nach rund zwei Jahren Suche, zahlreichen Gesprächen und fast ebenso vielen Absagen steht das Konzept und Harm hat Mitstreiter gefunden. Das nötige Startkapital für das Vorhaben steuerte ein bekannter Unternehmer bei, der sich inzwischen aus dem Geschäft zurückgezogen hat.

Vom Ferkel zur Salami

Die Produktionskette beginnt beim Landwirt Carl Ahrens-Westerlage aus Neuenkirchen im Kreis Osnabrück. Der 36-Jährige verfügt über rund 1500 Mastplätze, wovon sich gut 800 in einem modernen Offenstall befinden. Er liefert einen Teil der Schweine aus der Außenklimahaltung an Supermeatboy und erhält dafür einen Mindestpreis von 1,50 €/kg und einen Aufschlag von 40 Cent/kg für höhere Haltungsstandards. Den Tieren stehen Stroheinstreu und Beschäftigungsmaterial zur Verfügung. Die Ringelschwänze bleiben intakt.

Harm Böckmann dreht zahlreiche Videos in und außerhalb seines Netzwerks. 

Die Schlachtung der Schweine erfolgt bei Niko Brand, Juniorchef bei einem regionalen Schlachtunternehmen. Dann erfolgt die weitere Verarbeitung der Salamis in einer regionalen Wurstfabrik.

Salami ist lange haltbar und lässt sich problemlos versenden. (Foto: Drießen)

Warum eigentlich Salamis? Harm führt vor allem logistische Gründe ins Feld, weil die Würste auch ohne Kühlung lange haltbar sind und sich somit auch für den Online-Versand eignen. Schlechte Erfahrungen sammelte der Jungunternehmer bereits mit dem Angebot von eingeschweißten Schinkenstücken. Diese wollte er neben den Salamis an den Kunden bringen – und scheiterte grandios, weil viele Verbraucher schlichtweg nicht mehr über Schneidemaschinen für Aufschnitt verfügen.

Ab in die Supermärkte

Für Transparenz sorgt ein Trackingcode auf der Verpackung der Salami, mit dem sich das Fleisch von der eingeschweißten Wurst bis zum Schweinestall zurückverfolgen lässt. Auf der Internetseite supermeatboy.de werden die einzelnen Erzeugungsstufen dokumentiert und besondere Standards herausgestellt.

Die Vermarktung der Würste ist eine weit größere Herausforderung als die Produktion. Anfangs fährt Böckmann noch selber mit dem alten Audi los und beliefert alle seine 30 Supermärkte „in Strecke“. Das bedeutet, dass jeder Supermarkt einzeln angefahren wird und vor Ort das Regal oder der Aufsteller gepflegt werden muss. Parallel dazu läuft die Ansprache weiterer Supermärkte, klassisch per Telefon oder persönlichem Besuch im Markt.

In den Markt reinzukommen ist nicht schwer. Aber schnell hängt alles an den Verkaufszahlen.

Harm Böckmann

Inzwischen wird die Wurst von der professionellen Vertriebsmannschaft eines großen Wurstherstellers deutschlandweit vermarktet. Dieser stellt ebenfalls sein Kühllager und seine Logistik zur Verfügung. Die ersten Schritte in Richtung Professionalisierung sind gegangen. Perspektivisch möchte der Wurstpionier sein Sortiment gerne um weitere Produkte erweitern und eines Tages auch Frischfleisch in sein Angebot aufnehmen.

Hält der Verbraucher Wort? 

Und hält der Verbraucher an der Ladentheke Wort? Schließlich kostet eine Supermeatboy-Wurst (Geschmacksrichtungen Natur, Parmesan, Pfeffer oder Fenchel) mit 4,90 € für 250 g rund das Doppelte von günstigen Konkurrenzprodukten. Harm zieht bislang eine gemischte Bilanz. Das Konzept „echte Transparenz, echter Lohn, echtes Tierwohl, aber eben keine Bio- oder sogar Demeterstandards“ kommt bei Kunden gut an. Es gibt viele positive Rückmeldungen.

Gänse für die Grillsaison

Andererseits gehen die Umsätze noch nicht durch die Decke. Rein rechnerisch geht pro Tag erst ein Schwein in die Wurst, also nur ein kleiner Teil der Tiere des Betriebes von Carl Ahrens-Westerlage. Größere Kapazitätserweiterungen, geschweige denn die Aufnahme neuer Lieferanten, bleiben erst mal Zukunftsmusik. Das Unternehmen befindet sich weiterhin in einer Investitionsphase. Wirklich von seiner Arbeit leben könnte der 28-Jährige derzeit nicht.

Die beste Zeit für eine Schnapsidee

Warum tut er sich das an? Schließlich verfügt er mit seinem Agrarmaster über eine solide Ausbildung. Er werkelt, in seinem eigentlichen Hauptberuf, noch an einer Doktorarbeit an der Uni Vechta. Und nicht wenige Bekannte und Berufskollegen haben ihn bereits für bekloppt erklärt, dass er, während Veggie-Produkte boomen und Fleischkonsum in der Dauerkritik steht, ausgerechnet das Wurstgeschäft für sich entdeckt.

Trägt der Ansatz oder greift der Verbraucher am Ende doch nur zu den Lockangeboten?

Supermeatboy Harm Böckmann

Harm bleibt gelassen. „Ich möchte herausfinden, ob mein Ansatz trägt und es bislang nur an den entsprechenden Produkten fehlt – oder ob der Verbraucher am Ende doch nur zu den Lockangeboten greift.“ Mit Blick auf seine noch geringen privaten Verpflichtungen bekennt er:  „Jetzt ist die beste Zeit für diese Schnapsidee.“  

Frischer Wind für Branche

Für eine „Schnapsidee“ hat Harm bereits eine Menge Staub aufgewirbelt. Ein Ritterschlag für den Jungunternehmer war sein Auftritt beim „Frische Forum Fleisch“, einem Branchentreffen der Fleischwirtschaft im Rahmen der Grünen Woche in Berlin. Harm war eingeladen, so die Organisatoren, um sein „Leuchtturmprojekt der Fleischindustrie“ vorzustellen und mit den Größen der Branche zu diskutieren.

Mit dem Erfolg, dass Branchenschwergewicht Clemens Tönnies (Eckdaten Tönnies-Holding: 12  500 Mitarbeiter, gut 6 Mrd. € Umsatz)  sich an seine eigenen Unternehmensanfänge erinnert fühlte. Auch das NDR-Fernsehen ist schon auf Harm aufmerksam geworden und hat eine umfangreiche Reportage über die Idee gesendet.

Die Raumbeleuchtung in der Supermeatboy-Zentrale wird wohl noch etwas länger flackern müssen.


Danke für den Shitstorm 😉 

Weil Geld bei Supermeatboy wie bei jedem Start-up knapp ist, muss Harm mit geringen Werbebudgets haushalten. Statt klassische Anzeigen in Zeitungen zu schalten, setzt er deshalb vor allem auf soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook. Besonders wenn er einen neuen Supermarkt beliefert, ist medialer Rückenwind gefordert. Dann befeuert er lokale Kampagnen, mit denen er gezielt Verbraucher im Umfeld der jeweiligen Supermärkte erreicht.

Diskussionen mit überzeugten Veganern, die plötzlich mit Werbung für Wurstwaren konfrontiert werden und laut ihren Unmut äußern, sind da vorprogrammiert. Harm sieht den aufziehenden Shitstorms gelassen entgegen. Er beantwortet geduldig Fragen. Und hält freundlich im Ton, aber hart in der Sache dagegen.

Das zahlt sich aus. Mehr als ein entschiedener Fleischgegner bedankte sich nach teils harten Auseinandersetzungen am Ende bereits für den offenen Dialog und den wertschätzenden Umgang. Vielen Kritikern ist dabei gar nicht bewusst, dass sie gerade mit ihrer Kritik Harm in die Hände spielen und die Reichweite seiner Seite steigern.